Interview mit Propst Jörg Ackermann


Seit 2025 ist Jörg Ackermann Propst der Kirchenregion Süd der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche und damit Mitglied der Kirchenleitung. Zuvor war er viele Jahre als Gemeindepfarrer tätig.
Im Interview spricht Ackermann über seinen Weg ins Pfarramt, der für ihn bereits in der Schulzeit Gestalt annahm. Schon als Jugendlicher stand für ihn fest, dass er mit Menschen arbeiten und das Evangelium verkündigen möchte. Dabei beschreibt er den lutherischen Glauben vor allem als eine befreiende Botschaft: dass Gott den Menschen so wichtig ist, dass er in Jesus Christus für sie leidet und stirbt.
Auch über seine Aufgaben als Propst gibt Ackermann Einblick. Neben vielen organisatorischen und kirchenleitenden Aufgaben ist ihm besonders der Austausch wichtig. Kommunikation und gegenseitiges Verständnis spielen für ihn eine zentrale Rolle. Gleichzeitig betont er, dass geistliche Leitung immer gemeinschaftlich geschieht und vom Gespräch miteinander lebt.

Jörg Ackermann


Peckover: Was hat Sie als junger Mensch dazu bewogen, Pastor zu werden?

Ackermann: Einen einzelnen Beweggrund kann ich gar nicht benennen. Mit dem Eintritt in die gymnasiale Oberstufe, also mit 17 Jahren, stand das für mich innerlich fest. Ich habe zwar in der Schule andere Schwerpunkte gesetzt, aber der Berufswunsch war klar: mit Menschen zu tun haben und das Evangelium predigen.

Peckover: Wie würden Sie Ihr persönliches Verständnis des lutherischen Glaubens beschreiben?

Ackermann: Ich könnte der Einfachheit halber das Glaubensbekenntnis zitieren oder auch Luthers Erklärung zum 2. Artikel im Kleinen Katechismus. Das ist etwas immens Befreiendes. Ich bin Gott so wichtig, dass er in seinem Sohn um meinetwillen in Leiden und Sterben geht. Ich kenne keine Kirche, in der das klarer zum Ausdruck gebracht wird als in der lutherischen.

Peckover: Sie sind nun seit 2025 Propst der Kirchenregion Süd, können Sie uns Ihre spezifischen Aufgaben als Propst erklären, und wie diese sich von Ihrem Beruf als Pfarrer unterscheiden?

Ackermann: Ich bin erheblich mehr unterwegs als früher. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, bin ich bei den Bezirkssynoden und Bezirkspfarrkonventen vor Ort anwesend, zumindest zeitweise. Besonders wichtig sind mir dabei Kommunikation und Informationsaustausch, in beide Richtungen. Ich glaube, dass wir noch viel mehr miteinander reden müssen, um einander besser verstehen zu können. Vieles von dem, was in Kirchenleitung passiert, sind aber auch Dinge, die weniger ins Auge fallen: unter anderem Personalfragen, Finanzen, Ordnungen, der Kontakt zu Gremien und Einrichtungen der Kirche. Es ist eine große Vielfalt an Aufgaben. Das Wichtigste daran ist – und das verbindet Propst- und Pfarramt – ist der Kontakt zu den Menschen.

Peckover: Sie sind nicht nur der geistliche Leiter einer Gemeinde, sondern auch einer Kirchenregion, wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Ackermann: Ich maße mir nicht an, geistlicher Leiter einer Kirchenregion zu sein. Das sieht die Grundordnung unserer Kirche nicht (mehr) vor. Geistliche Leiter auf regionaler Ebene sind die Superintendenten. Als Mitglied der Kirchenleitung bin ich mit verantwortlich für die Leitung und Verwaltung der Kirche und damit auch für ihre geistliche Leitung. Aber das geschieht in einem Gremium. In diesem und letztlich auf allen Ebenen meiner Tätigkeit versuche ich, kooperativ und kommunikativ zu arbeiten. Damit sind wir wieder bei der Wichtigkeit des Gesprächs miteinander.

Peckover: Was motiviert Sie persönlich in Ihrem Dienst als Pfarrer?

Ackermann: Die Botschaft von der Liebe und Zuwendung Gottes in Jesus Christus ist einzigartig. Aufgabe und vielleicht sogar Sinn und Zweck der Kirche ist es, diese Botschaft den Menschen nahezubringen. In unserer Zeit braucht es dazu viel Übersetzungsarbeit, viel Gespräch. Ich glaube, dass Gott mir dazu Gaben gegeben hat. Die will ich gerne einsetzen, weil die Botschaft Leben verändert, zum Positiven hin. So ist zumindest die Zusage.

Peckover: In der Arbeit als Pfarrer gibt es viele herausfordernde Momente, doch was macht Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten Freude?

Ackermann: Dazu gehört jedes gelungene Gespräch. Und als gelungen bezeichne ich ein Gespräch mit gegenseitiger Wahrnehmung und respektvollem Umgang im Sinne des Evangeliums. Dabei kann man unterschiedlicher Auffassung sein, der Umgang damit ist wesentlich. Auch dazu gehört, wenn ich es merke oder gesagt bekomme, dass das Evangelium angekommen ist, dass es tröstet, Menschen hilft. Und die Kirchenmusik gehört dazu.

Peckover: Was war die bewegendste Erfahrung, die Sie in Ihrer Laufbahn als Pfarrer erleben durften?

Ackermann: Wenn ich mich auf eine Erfahrung festlegen muss, dann diese: Ich bekam einen Anruf von einer mir unbekannten jungen Frau, die die Pfarramtsnummer im Internet gefunden hatte und fragte, was sie denn tun müsse, um getauft zu werden. Es stellte sich heraus, dass sie völlig kirchenfern aufgewachsen war. Im Gespräch stellte ich dann die Frage, warum sie sich taufen lassen wolle. Ihre Antwort war die beste, die ich mir vorstellen kann: „Weil ich in den Himmel kommen möchte.“ Taufunterricht und Taufe folgten und waren so bewegend wie dieses erste Gespräch.

Peckover: Welche Erfahrungen haben Sie im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Pfarramt und Familie gemacht?

Ackermann: Das ist eine besondere Herausforderung. Das eine Jahr in meinem 35jährigen Dienstleben, in dem ich nur einen Gottesdienst am Sonntag hatte, habe ich sehr genossen. Im Regelfall waren es zwei, lange Zeiten hindurch auch drei. Da ist dann am Wochenende kaum Familienleben möglich. Dafür kann man als Pfarrer zu anderen Zeiten für die Familie da sein. Man muss es nur gut strukturieren. Ich glaube, dass ich darin im Lauf der Zeit besser geworden bin, optimierungsfähig wäre das aber sicher noch.

Peckover: Sie sind im Laufe Ihrer Tätigkeit viel herumgekommen, wo würden Sie sagen, fühlen Sie sich in Deutschland am meisten beheimatet?

Ackermann: Ich bin ein Kleinstadtmensch. Wenn dann noch die hügelige und von Flüssen durchzogene Landschaft hessischer Mittelgebirge dazukommt, passt das schon ganz gut.

Peckover: Wie gestalten Sie Ihr persönliches geistliches Leben im Alltag?

Ackermann: Die geistliche Musik spielt da eine große Rolle. Viele Choräle, aber auch größere Werke, wie Bachs Kantaten und Oratorien, Schütz‘ Geistliche Motetten, Werke von Brahms, Mendelssohn-Bartholdy und viele weitere sind solide Predigten. Auch moderne Werke zählen dazu. Ich erschließe mir dies bläserisch und sängerisch, seltener durch reines Hören. Es gibt häufig diese Momente, in denen mir das dann durch den Kopf geht. Augustin wird der Satz zugeschrieben: Wer singt, betet doppelt. Darein kann ich mich gut einfinden.
Als eine kleine geistliche Übung habe ich Ende 2023 angefangen, das Neue Testament der Lutherbibel von Hand abzuschreiben. Das geht nicht immer so schnell wie ich das gerne möchte, im Moment bin ich noch im ersten Drittel der Apostelgeschichte.

Peckover: Gibt es eine weniger bekannte oder vielleicht unerwartete Bibelstelle, die für Sie eine besondere Bedeutung hat? Und gibt es ein Zitat oder einen Bibelvers, den Sie als Ihr Lebensmotto bezeichnen würden?

Ackermann: Ungewöhnlich ist mein Konfirmationsspruch, den mein Konfirmator damals ausgesucht hat. Er stammt aus den Apokryphen, dem Buch Jesus Sirach, und man muss ihn im unrevidierten Luthertext lesen: „Bleibe in Gottes Wort, und übe dich darin, und beharre in deinem Beruf.“ (Sirach 11,20)
Als Lebensmotto nenne ich Galater 5,1: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“

Peckover: Wie verbringen Sie Ihre Freizeit, und wie gelingt es Ihnen, trotz der Anforderungen Ihres Berufs, Ausgleich zu finden?

Ackermann: Ich gehe regelmäßig zum Sport, mache Yoga. Wenn es die Zeit erlaubt, blase ich Tuba im Evangelischen Bläserkreis, einem gemeinsamen Posaunenchor der Christusgemeinde Melsungen der SELK und der evangelischen Kirchengemeinde Melsungen. Gerne helfe ich bei den hiesigen Kantoreien mit aus, wenn es dort größere Projekte gibt, dass meist auch zusammen mit meiner Frau. Wenn dann noch ein wenig Zeit bleibt, fotografiere ich gerne, schwarz-weiß auf Film, mit eigener Entwicklung.

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