Angedacht!


"Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

Micha 6,8


LiDr. Andrea Grünhagenebe Leserinnen und Leser,

was denken Sie bei diesem Bibelwort? Vielleicht: „Ja klar, mache ich. Kann doch nicht so schwer sein.“ Ist es aber. Es ist schwer, wenn man es ernst nimmt. Liest man den Vers in seinem Zusammenhang, stellt man fest, dass es sich hier um eine Antwort Gottes auf eine menschliche Frage handelt. Die Frage lautet in etwa so: „Wie kann ich mich dem heiligen Gott nahen angesichts der Sünde, die ich begangen habe und meiner Verfehlungen? Keine Opfergabe, selbst das Leben des eigenen Kindes könnte ausreichen, um das aufzuwiegen.“ Und Gottes Antwort lautet in andere Worte gefasst: „Du weißt eigentlich, was du tun sollst und das hat nichts mit irgendwelchen Opfern zu tun. Du weißt, was gut ist, nämlich Gottes Wort beherzigen und das Richtige tun, Liebe üben und gütig sein und in Demut den Abstand zwischen dir und Gott anerkennen.“

Immer, wenn uns ein Anspruch Gottes an uns in der Heiligen Schrift zu überfordern scheint, ist es eine gute Übung, sich ihm trotzdem zunächst einmal auszusetzen: Halte ich mich an das, was in Gottes Wort steht? Will ich das Rechte, das Richtige tun, soweit ich es erkenne? Möchte ich denn gütig, möchte ich gut sein? Lieblosigkeit und Stolz gehören oft zusammen, ebenso wie Liebe und Demut zusammengehören. Wie steht es damit in meinem Leben?

Wenn es am 20. Sonntag nach Trinitatis um die Ordnungen Gottes, um sein Recht und seinen grundlegenden Willen geht, dann gehört die geistliche Erfahrung dazu, vor dem unverbrüchlichen Anspruch dieser Ordnungen als sündiger Mensch zu verzweifeln. Das Gesetz Gottes demütigt uns zutiefst, wenn es uns den Spiegel vorhält. Wir erkennen, dass wir das Richtige nicht nur nicht tun, sondern dass wir es nicht einmal tun wollen. Obwohl es gut ist. Das Problem ist nicht der Anspruch, das Problem sind wir.

Wir können es nicht. Und allein davon, dass uns Gottes Maßstäbe bekannt gemacht werden, können wir sie auch nicht erfüllen. Dazu braucht es etwas, das nicht aus uns selbst kommt.

Wenn wir uns der Forderung Gottes schonungslos ausgesetzt haben, bleibt uns gar nichts anderes mehr übrig, als vor dem strafenden Gott zum vergebenden Gott zu fliehen. So ähnlich hat Luther das mal ausgedrückt.

Erst die Vergebung macht uns vor Gott gerecht, erst der Glaube verwirklicht sich in Liebe und Demut. Nur weil Christus das Gesetz Gottes erfüllt hat, bringt das Gesetz uns nicht mehr in die Hölle und lässt uns verzweifeln.

Gottes Wort wirkt in Anspruch und Zuspruch, in beidem. Und wir sollen nicht vergessen, wenn wir zu dem Gott fliehen, der uns in und durch Christus barmherzig gegenübertritt, dass Vergeben und Verschonen sein eigentliches Werk ist. Darauf vertrauen wir. Nicht das Erschrecken und die Demütigung machen demütig und liebevoll, sondern die Erfahrung der Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Die Güte Gottes macht uns gut.

Das ist wohl die schwerste Erfahrung im Glauben, die man machen kann – aber auch die Wichtigste.

Andrea Grünhagen

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