Angedacht!


„Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“

Sacharja 9,9+10


LiDr. Andrea Grünhagenebe Leserinnen und Leser,

an diese Adventszeit und an das Weihnachtsfest 2020 werden wir uns ganz bestimmt noch lange erinnern. Irgendwann werden wir davon erzählen: „Damals, als die Weihnachtsmärkte geschlossen waren und kein Schnee fiel, als man nicht in den Winterurlaub fahren konnte und wir Oma nicht besuchen durften …“.

War es nicht noch vor einem Jahr so, dass sich viele Menschen über den Stress und die Hektik der Vorweihnachtszeit beschwerten und kaum eine Predigt nicht der Sehnsucht nach Stille und Besinnlichkeit Ausdruck verlieh? „Bedenke wohl, worum du bittest, es könnte dir gewährt werden.“ kann ich dazu nur sagen. Nun wird es still und besinnlich. Aber offenbar freut sich niemand darüber. Könnte es sein, dass wir uns sonst doch mehr an anderen Dingen gefreut haben im Advent als am Kommen des Herrn?

Die Freude hat es aus vielen Gründen schwer in diesen Tagen. Wobei ich den Verzicht auf gesellige Glühweinrunden eindeutig zu den leichter zu ertragenden Leiden zähle. Ich denke eher an die Schwerkranken und ihre Familien und an die Risikopatienten, die sich schon monatelang in häuslicher Isolation befinden, an Menschen, deren wirtschaftliche Existenz sich gerade in Luft auflöst und an die Kinder und Jugendlichen, die eine nicht unerhebliche Last tragen in dieser Zeit. Ich sehe, wie zahlreiche Menschen die Geduld verlieren, weil sie das Gefühl haben, ihr Leben wird einfach abgesagt und sie können nichts dagegen tun.

Die Stimmung ist in Kirche und Gesellschaft an vielen Stellen ziemlich im Eimer, um es mal klar zu sagen. Die Laune ist schlecht, der Ärger groß. Ich glaube trotzdem, dass wir immer die Wahl haben, wie wir die Lage betrachten. Was, wenn Gott uns gerade in diesem Jahr etwas ganz neu erkennen lassen will? Ich habe zum Beispiel im obengenannten Bibelvers bisher nie auf das Wörtchen „arm“ geachtet. Jesus kommt in unsere Armut und er kommt als einer, der selbst arm ist, auf einem geliehenen Esel nämlich. Die Armut, die Schwierigkeiten, die Not – das ist kein Hindernis für ihn. Vielleicht haben wir diese Erfahrung nur noch nie gemacht bislang.

Eine andere Beobachtung möchte ich mit Ihnen teilen. Fast alles von dem, was uns an Advent und Weihnachten Freude macht, kommt aus leidvollen Erfahrungen. In der Armut entspringt die Freude und das Jauchzen. Den Adventskranz hat Johann Hinrich Wichern in Hamburg für seine armen Waisenkinder erfunden, das Lied „O du fröhliche“ ist ebenfalls in einem Waisenhaus entstanden, geschrieben von Johannes Daniel Falk in Weimar, der damals schon vier seiner eigenen Kinder verloren hatte. „Stille Nacht, heilige Nacht“ war das Geschenk eines unbedeutenden Hilfspriesters an eine Gemeinde, die bittere materielle Not litt. Die erste Krippe hat der heilige Franziskus aufgebaut, der besaß nichts und wollte auch gar nicht besitzen. Und das alles ist noch nichts gegen das Grauen, dass Friedrich von Spee mitangesehen hat und das ihn schreien ließ: “O komm, ach komm von höchsten Saal, komm tröst uns hier im Jammertal.“ Oder Paul Gerhardt? Der war auch nicht unerfahren in Sachen Not und Seuchen und Streit und Tod. Aber es hat ihm die Sprache nicht verschlagen, er hat gewusst, dass Gott diese Welt „in ihren tausend Plagen und großen Jammerlast, die kein Mund kann aussagen, so fest umfangen“ hat. Die Beispiele ließen sich fortsetzen.

Und darum bin ich ganz sicher: Wir werden ganz bestimmt Grund zur Freude haben in dieser nun beginnenden Adventszeit. Unsere Lieder verstummen nicht, wir müssen nur nach zusätzlichen Möglichkeiten suchen, um sie zu singen. Wir, jeder von uns, hat in den nächsten Wochen unzählige Möglichkeiten, von der Freude über das Kommen des Heilands zu erzählen, der heilmacht und ein Helfer ist und dann können wir diese Freude sogar noch vermehren. So wie der Lehrer in Herrnhut, um noch ein Beispiel zu nennen, der für seine Missionarskinder, die zu Weihnachten ihre Eltern besonders vermissten, den berühmten Stern erfand. Wenn Sie einen solchen besitzen und aufhängen, dann könnten Sie ja beten: „Lieber Gott, wie du den Herrnhutern und anderen in der Vergangenheit eine gute Idee gegeben hast, Menschen in Not eine Freude zu machen, so gib auch mir jetzt gute Ideen, um mit deinem Licht die Dunkelheit der Angst und der Einsamkeit zu vertreiben.“ Es könnte doch sein, dass Gott uns immer dann mit besonderer Kreativität segnet, wenn es besonders nötig ist. Die heilige Luzia, nächstes Beispiel, hat sich ja nicht einen Kerzenkranz auf den Kopf gesetzt, weil das hübsch aussieht, sondern weil sie Licht brauchte und gleichzeitig die Hände frei haben musste, um die versteckten Gläubigen in den Katakomben zu versorgen. Sie hätte auch vor der Dunkelheit kapitulieren können.

Freude und Hoffnung kann man nicht aus sich produzieren, aber das muss man ja auch nicht. Um es nochmal mit Paul Gerhardt zu sagen: „Ihr dürft euch nicht bemühen noch sorgen Tag und Nacht, wie ihr ihn wollet ziehen mit eures Armes Macht. Er kommt, er kommt mit Willen, ist voller Lieb und Lust, all Angst und Not zu stillen, die ihm an euch bewusst.“

Andrea Grünhagen

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