Angedacht!


„Und der Herr sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.“
1. Mose 12,1


LiDr. Andrea Grünhagenebe Leserinnen und Leser,

diesen Satz hat Gott zu Abraham (der da noch Abram heißt) zu einer Zeit gesagt, als es noch keine TV-Serien gab, die Auswanderer auf dem Weg in ihr neues Leben begleiten. Auswandern, alles hinter sich lassen, kompletter Neustart, am besten irgendwo, wo es schön warm ist – die entsprechenden Fernsehsendungen spielen mit solchen Träumen. Dass sich diese Träume nicht immer erfüllen, kann sich eigentlich jeder denken.

Es ist allerdings ein relativ neuer Gedanke, dass es etwas Schönes sein müsste, sein Vaterland, seine Verwandtschaft und seine Familie vielleicht für immer zu verlassen. Wer vor rund 200 Jahren in die USA oder nach Australien auswanderte, tat das in der Regel einer Not gehorchend und wenn nicht, setzte er sich dem Vorwurf aus, leichtfertig einem geordneten Leben den Rücken zu kehren. Dass junge Leute heute wie selbstverständlich ein Jahr im Ausland verbringen, vielleicht dort studieren oder sich eine berufliche Zukunft eigentlich überall auf der Welt vorstellen können, das ist eine sehr neue Entwicklung. Deshalb ist die momentane Einschränkung der Reisefreiheit ja so unwirklich. Es mag ja sein, dass, wie die Werbung grade behauptet, Frankfurt so cool ist wie New York und die Sächsische Schweiz landschaftlich so reizvoll wie Alaska – aber irgendwie ist der Gedanke, eben nicht aufbrechen zu können, wohin man will, schwer auszuhalten.

Aber was, wenn man aufbrechen muss, obwohl man gar nicht will? Man denke an die Situation von Flüchtlingen zu allen Zeiten. Da sagt einfach jemand: „Geh!“ und dann muss man los. Das ist sicher auch ziemlich unwirklich und schrecklich.

Ob Abraham begeistert war von seinem Aufbruch oder eher nicht, das wird uns nicht wirklich berichtet. Die Geschichte wird uns ja auch aus einem anderen Grund erzählt. Wir sollen daran nämlich sehen, was Glauben ist. Glaube entsteht, indem Gott spricht. Es ist ja nicht so, dass Abram in Chaldäa nun nach intensiver Beschäftigung mit den verschiedenen religiösen Möglichkeiten, die tatsächlich zahlreich waren, entschieden hätte, fortan nun diesem Gott Jahwe dienen zu wollen. Nein, Gott spricht und Abraham vertraut und folgt. Dieses Vertrauen ist biblischer Glaube. Das Evangelium dieses Sonntages erzählt es ganz ähnlich von Petrus. Jesus sagt: „Folge mir nach.“ Und Petrus verlässt sein Fischerboot und folgt ihm nach.

Auch wenn man in seinem Leben keine abenteuerliche Auswanderung erlebt, Neuaufbrüche hat jeder zu bestehen. Ich denke, Gott ruft uns immer wieder in etwas Neues hinein und das sind nicht immer schöne Abenteuer. Und selbst die größten und schönsten neuen Erlebnisse und Situationen brauchen doch auch immer Vertrauen. Gottes Ruf ist allerdings nie ohne seine Verheißung. Bei Abraham war es so. Es ist überhaupt die grundsätzlichste Zusage schon im Alten Testament, dass Gott der Gott ist, der da ist. Der mit uns geht. Ein Gott des Weges. Christus hat diese Verheißung wiederholt, als er seine Apostel aufbrechen lässt in alle Welt. „Siehe, ich bin bei euch alle Tage …“

Egal, vor welchen Aufbrüchen Sie persönlich stehen, darauf können Sie vertrauen.

Andrea Grünhagen

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