Angedacht!


"Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“

Lukas 19,40


LiDr. Andrea Grünhagenebe Leserinnen und Leser,

ein bisschen ironisch könnte man diesen Bibeltext am Sonntag Kantate im Jahr II des coronabedingten Verzichts auf volltönenden Gemeindegesang ja schon lesen, oder? Ich finde das Wort Jesu von den schreienden Steinen aber vor allem tröstlich. Natürlich hat Jesus das in einer bestimmten Situation gesagt: Bei seinem Einzug in Jerusalem kam ihm die Menge entgegen und unbändiger Jubel brach sich Bahn. Es war nichts weniger als seine Proklamation als König Israels. Einige Pharisäer sprachen ihn deshalb an und forderten ihn dazu auf, seinen Jüngern zu untersagen, ihn mit lauter Stimme zu loben. Wohlgemerkt, diesen Pharisäern passte der Inhalt des Gotteslobes nicht, nicht seine Form. In welcher Weise die Menge der Jünger Gott laut lobten wird auch gar nicht gesagt. Wir denken oft vorschnell, Gotteslob sei identisch mit Gesang. Dazu würde dann allerdings nicht passen, dass die Steine nach Jesu Worten schreien würden. Welche Steine eigentlich? Vielleicht das Geröll, das links und rechts des Weges liegt? Die steinernen Mauern der heiligen Stadt? Vielleicht sogar der Berg Zion selbst, zu dem Jesus vom Ölberg herabkommend zieht?

Vielleicht können Steine Gotteslob ja sozusagen speichern? Ich denke zum Beispiel an die Kreuzkirche in Dresden oder die Thomaskirche in Leipzig – auch wenn die Kruzianer oder Thomaner momentan gar nicht oder nur eingeschränkt in diesen Kirchen singen, ihre Musik erklingt dort seit Jahrhunderten. Die Kantaten und Motetten und Oratorien hallen geistlich auch schweigend wider in diesen Mauern. Ich bin überzeugt, das gilt nicht nur für die Musik eines Johann Sebastian Bach und anderer Meister.

Wobei mir einfällt: Als Jugendliche stand ich ja auf ganz andere Musik. Meine amerikanische Lieblingsband hieß „Petra“. Nicht ausgesprochen wie der weibliche Vorname, sondern griechisch mit der Betonung auf der ersten Silbe. Petra bedeutet Felsen und ihr Motto hieß passenderweise: The rock cries out! War ja auch eine christliche Band, die kannten das Wort Jesu. Musikalisch klang das eher wie ein Unfall bei einer Sprengung im Steinbruch. Daran muss ich an diesem Sonntag Kantate denken und freue mich über den trotzigen Glauben, mit dem ich immer noch sage: „Wir können nicht singen? The rock cries out!“

Und warum sollten die Steine auch nicht? Wussten doch die Felsen am Karfreitag auch vom Tod ihres Schöpfers „und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen und die Gräber taten sich auf.“ (Matthäus 27,51f.) Nicht wahr, auch der Stein vor dem Grab Jesu wagte es nicht, den Auferstandenen zu halten.

Wir sollten wohl gerade jetzt den Gedanken zulassen, dass das Lob Gottes viel größer ist als das, was wir mit unseren Stimmen vermögen. Wir stimmen nur darin ein und sind Teil des Lobpreises der ganzen Schöpfung. Darum geht es am Sonntag Kantate, in dessen Wochenpsalm wir lesen: „Der Himmel freue sich und die Erde sei fröhlich, das Meer brause und was darinnen ist; das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist; jauchzen sollen alle Bäume im Walde vor dem Herrn, denn er kommt, das Erdreich zu richten.“ (Psalm 98,11-13)

Die Pharisäer haben sich angesichts der Antwort Jesu wahrscheinlich gefragt, was er da überhaupt meint. Sie rechneten eben nicht mit der unsichtbaren Wirklichkeit. Jesus wusste jedoch, dass er als König und Davidssohn nach Jerusalem einzog. Da kommt er, der Spr0ß aus der Wurzel Isais, der Nachkomme des Königs David in die Stadt Davids. Der Zion selbst, der Tempelberg in Jerusalem, würde ihm darum das Lob nicht schuldig bleiben. Im Adventslied singen wir es so: „Sollte gleich die Knechtsgestalt deine Majestät verhüllen, so erkennet Zion schon, seinen Herrn und Davids Sohn.“ (ELKG 405,5)

Kantate, das erinnert uns an das weltumspannende Lob Gottes, das neben der Schöpfung auch Engel und Menschen verbindet. Was die Menge beim Einzug Jesu in Jerusalem hier ruft, ist das Spiegelbild des Gesangs der Engel auf den Feldern von Bethlehem bei seiner Geburt. Bemerkenswert ist zu sehen, dass die Formulierung dabei sogar spiegelverkehrt ist. Am Anfang geht es um „Frieden auf Erden“, nun um „Frieden im Himmel.“ Das muss ja so sein an dem besonderen Punkt der Geschichte, als Christus nach Jerusalem kommt, um durch sein Leiden, Sterben und Auferstehen Frieden zu stiften im Himmel, Heil, Versöhnung – die Worte reichen nicht aus, um das auszusagen.

Wie gesagt, ich finde es sehr tröstlich, gerade heute über diese Geschichte nachzudenken. Natürlich darf man es traurig finden, nicht gemeinsam im Gottesdienst singen zu können. Aber loben nicht gerade jetzt die Vögel in den Zweigen, die Engel im Himmel und Christen auf dem ganzen Erdkreis? Wie heißt es doch im Gesang der drei Männer im Feuerofen (Daniel 3/Stücke zu Daniel 3,51): Lobet den Herren, Sonne und Mond, lobet den Herren Regen und Tau, all ihr Winde, Eis und Frost, Blitz und Wolken, Berge und Hügel, Gräser und Kräuter, Quellen, Meere und Ströme, Fische, Vögel unter dem Himmel, zahme und wilde Tiere, alle Menschenkinder, Israel, ihr Priester des Herren, ihr Geister und Seelen der Gerechten, preist und rühmt ihn ewiglich.“ Und die Steine? Die natürlich auch.

Andrea Grünhagen

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