Angedacht!


„Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“
Hebräer 13,12–14


Dr. Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

PEin Satz, der mit „darum“ beginn, fordert ein „warum“ zu Erklärung. Diese findet sich nur einen Vers weiter vorn: „Denn die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt.“ Alttestamentlicher Hintergrund ist das Ritual zum Großen Versöhnungstag, wie es in 3. Mose 16 beschrieben ist. Dort heißt es: Und den jungen Stier und den Bock vom Sündopfer, deren Blut in das Heiligtum zur Entsühnung gebracht wurde, soll man hinausschaffen vor das Lager und mit Feuer verbrennen, samt Fell, Fleisch und Kot.“ (3. Mose 16,27)

Opfer, Blut, Feuer, Hingabe des Lebens? Der Sonntag Judika mutet uns in den gottesdienstlichen Lesungen einiges zu, was zahlreichen Menschen heute nur noch grausam, archaisch und abstoßend erscheint. Das passt nicht zum zeitgemäßen Gottesbild. Aber was, wenn Gott gar nicht immer nur der „mit Segen umhüllende, zärtliche „Gott, der uns sieht“ ist, sondern der allmächtige Herr, der auf Recht und Gerechtigkeit besteht? Der Sühne fordert?

Welchen Sinn würde die biblische Verkündigung von einem Gott, der um seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit willen diese Sühne fordern muss und der sie um seiner Liebe und Barmherzigkeit willen selbst leisten will, machen, wenn der ganze Hintergrund der Heilsgeschichte, zu denen eben auch die alttestamentlichen Opfer gehören, ausgeblendet werden?

Für die ersten Christen war das aber der Deutungshorizont, vor dem sie das Leiden und Sterben Jesu verstanden. Wenn sie die Worte „draußen vor dem Lager“ hörten, sahen sie Golgatha vor sich. Das lenkt den Blick auf Jesus Christus, der „außerhalb des Tores“ gelitten hat. Dieser Ort ist kein zufälliger. Konnte es denn möglich sein, dass der Messias draußen vor den Toren Jerusalems als ein Verfluchter am Holz (5. Mose 21,23) hängend gestorben ist? In Galater 3,13 bekräftigt Paulus, dass es genauso war. Und Petrus sagt: „Diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Ungerechten ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Den hat Gott auferweckt … (Apostelgeschichte 2,23f) Den und keinen anderen, der Gekreuzigte ist der Auferstandene. In der alttestamentlichen Lesung (1. Mose 22,1-19) zu Judika lesen wir, was Abraham Isaak antwortet: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zu Brandopfer.“ Gott selbst hat sich seinen Sohn zum Opfer ersehen.

Dieser Kern der christlichen Verkündigung war von Anfang an anstößig. Sie führte sehr schnell zum Ausgestoßen werden, sowohl aus der Synagoge als auch der polytheistischen antiken Gesellschaft. Bei und mit diesem Jesus waren einfach noch nie Orden und Beifall zu gewinnen. Um es mal ganz einfach auszudrücken: als Christ bist du ganz schnell draußen. Das hat etwas mit dem zu tun, der draußen vor dem Tor gelitten hat. Vielleicht sollte man aufmerksam werden, wenn es anders ist. Vielleicht ist „in der Mitte der Gesellschaft“ für Kirchen eigentlich ein ziemlich gefährlicher Ort, weil ihr Herr ja draußen vor dem Tor ist.

Aber, so geht die Argumentation weiter, Christen haben ja auch andere Prioritäten. Sie wissen, dass kein Ort in dieser Welt ihr bleibender Besitz und ihre wirkliche Heimat ist. Das relativiert vieles von dem, woran wir uns festhalten. Erfolg, Besitz, Anerkennung – all das ist nicht von Dauer. Unsere Hoffnung liegt nicht im Hier und Jetzt allein. Sie richtet sich auf Gottes kommende Wirklichkeit.

Gläubige sind immer ein wenig Fremdkörper, auch wenn sie ihre Aufgaben in dieser Welt treu erfüllen und sich engagieren. Bezeichnenderweise setzen sie sich gerade auch wieder für die Verworfenen, die Ausgegrenzten, die Schwachen ohne Lobby, die Verachteten ein. Auch das hat was mit dem zu tun, der draußen vor dem Tor ist. Gottes Liebe kennt keinen geschützten Raum, sie geht konsequent dorthin, wo es weh tut.

Das war auch der Weg Jesu. Aber seine Sendung erschöpft sich nicht darin, solidarisch mit den Leidenden zu sein. Sein Weg erfüllt sich, als er sein Blut am Kreuz vergießt als das Lamm Gottes – für uns.

Ihre Andrea Grünhagen

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