Angedacht!


„Und die Engel sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“
Johannes 20,13



LGruenhagen 160pxiebe Leserinnen und Leser,

für Maria Magdalena wird es Ostern. Nicht umsonst erzählen uns die biblischen Berichte von der Auferstehung Jesu als ein Ereignis der Nacht. Nicht umsonst beginnt die Liturgie der Osternacht in der dunklen Kirche. Ostern beginnt da, wo die Todesschatten herrschen.

An diesem Ort trifft auch Maria Magdalena auf den Auferstandenen. Sie ist zunächst noch in der Ratlosigkeit der frischen Trauer. Sie weiß nicht, wo der Tote ist. So kann man das beschreiben, was gar nicht nur damit zu tun hat, dass das Grab vor ihr leer ist. Sondern das ist sehr oft die Frage nach dem Verlust eines geliebten Menschen. Dass es einen Ort zum Trauern gibt, also einen Leichnam im Grab, hilft, aber letztendlich wissen Trauernde, dass der Tote dort nicht mehr wirklich ist.

Trauer, das bedeutet auch das Ausgeliefertsein an die eigenen kreisenden Fragen und die eigene düstere Sicht der Welt. Maria sieht zwei Engel im Grab sitzen, aber sie nimmt sie nicht wahr. Sie sieht auch den Auferstandenen, aber sie erkennt ihn zunächst nicht.

Wo es Ostern wird, da weichen die Schatten, lichten sich die Nebel, entstehen Farben aus dem Grau. Der Morgen löst sich aus der Nacht, die Sonne bringt Wärme und Licht. Nicht umsonst geschah Jesu Auferstehung in der Nacht. Nicht umsonst wird im Gottesdienst der Osternacht die brennende Osterkerze in die dunkle Kirche getragen: Christus – das Licht. Das Licht für die Osterkerze wurde ursprünglich nicht einfach mit einem Feuerzeug oder Streichholz entzündet oder von einer bereits brennenden Kerze genommen. Nein, das Osterfeuer wurde neu aus einem Stein geschlagen, was nicht so ganz unkompliziert, aber ungeheuer symbolträchtig ist. Der Auferstandene hat das Leben neu, deshalb ist auch das Osterfeuer ein „neues“ Feuer.

Maria Magdalena wird von Jesus mit ihrem Namen gerufen und da erkennt sie ihn. Der Körper des Auferstandenen ist offensichtlich der Körper des irdischen Jesus, sonst könnte ja der ungläubige Thomas nicht die Nägelmale und die Seitenwunde Jesu berühren, die Spuren der Kreuzigung also. Aber er ist auch wieder ganz anders, sonst hätte Maria ihn ja gleich erkannt und sonst hätte Jesus auch nicht durch verschlossene Türen damit gehen können.

Maria Magdalena möchte nun, da sie ihn erkannt hat, Jesus umarmen oder ihm zu Füßen fallen oder seine Hand nehmen– wir wissen es nicht genau. Doch Jesus sagt zu ihr, sie solle ihn nicht berühren. Nicht, weil der Leib des Auferstandenen nicht ein wirklicher Leib wäre, schließlich kann Jesus ja auch mit den Jüngern essen und trinken und lässt sich von Thomas berühren, aber mit Maria handelt Jesus anders. Hier geht es nicht um den Leichnam, den sie ursprünglich betrauern und dann als verschwunden suchen wollte, hier geht es um etwas ganz Neues. Der Herr ist auferstanden! Das soll Maria Magdalena den Jüngern bezeugen und das tut sie auch: „Ich habe den Herrn gesehen!“

Was geschieht mit uns, wenn die Todesschatten uns umgeben? In Angst und Trauer? Oft schickt Gott Engel, geflügelt und ungeflügelt, seine Boten, die uns Trost und Hoffnung bringen sollen. Mindestens ebenso oft nehmen wir sie nicht wahr oder erkennen sie erst im Nachhinein. Immer aber spricht Gott selbst sein mächtiges „Es werde!“ und ruft uns bei unserem Namen aus der Trauer heraus. Durch die Begegnung mit dem Auferstandenen und die Botschaft der Auferstehung. Jedes Osterfest ist ein Einüben in dieses Geschehen. Nicht umsonst heißt es in der Liturgie der Osternacht: Dies ist die Nacht, da Christus vertreibt den Frevel und abwäscht die Sünde, die Unschuld gibt den Gefallenen und den Trauernden die Freude …

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja!

Dr. Andrea Grünhagen

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