Angedacht!
„Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth!
Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN;
mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.“
Psalm 84,2–3
Liebe Leserinnen und Leser,
Psalm 84 ist wie ein Aufatmen mitten in der Fastenzeit. Der Sonntag Lätare, das „kleine Ostern“ lädt ein, auf dem Weg hin zum Osterfest eine Pause einzulegen, um sich zu fragen: Wo stehe ich gerade in dieser besonderen Zeit? War sie schon irgendwie besonders? Welche Erfahrungen habe ich beim „Fasten“ gemacht? Es geht nicht darum, Erfolge zu zählen. Ob ich es durchhalte, auf etwas zu verzichten oder etwas zusätzlich zu tun, ist nicht wirklich die Frage. Es geht nicht um eine weitere „Challenge“. Wichtig ist, ob es sich auf meine Beziehung zu Gott auswirkt. Es geht um das, was die Worte aus Psalm 84 sagt. „Mein Leib und meine Seele (durchaus also beide) freuen sich in dem lebendigen Gott.“
Psalm 84 gehört zu den Psalmen, die eine tiefe Sehnsucht nach der Nähe Gottes ausdrücken. Schon die ersten Worte sind voller Staunen und Liebe: „Wie lieblich sind deine Wohnungen.“ Der Psalmbeter denkt dabei an den Tempel in Jerusalem – den Ort, an dem Menschen Gott besonders nahe sein konnten. Für ihn ist dieser Ort nicht nur ein Gebäude, sondern ein Raum der Begegnung mit dem lebendigen Gott.
Bemerkenswert ist die Intensität der Worte. Der Psalmbeter sagt nicht nur, dass er gerne im Haus Gottes ist. Er sagt: „Meine Seele verlangt und sehnt sich.“ Dahinter steht ein tiefes inneres Verlangen, das den ganzen Menschen erfasst. Es ist eine Sehnsucht, die stärker ist als bloße Gewohnheit oder religiöse Pflicht. Der Mensch spürt: Ohne die Nähe Gottes fehlt etwas Entscheidendes im Leben.
Diese Sehnsucht kennen viele Menschen, auch heute. Sie zeigt sich oft auf unterschiedliche Weise: in der Suche nach Sinn, nach Geborgenheit, nach einem Ort, an dem man wirklich angenommen ist. Manchmal versuchen wir, diese Sehnsucht mit vielen Dingen zu füllen – mit Arbeit, mit Essen, mit Alkohol oder Erfolg, Beziehungen oder Ablenkung. Wenn jemand in der Fastenzeit auf diese Dinge verzichtet, spürt er die Sehnsucht stärker. Er wird daran erinnert, dass die tiefste Sehnsucht des Menschen letztlich auf Gott ausgerichtet ist.
Der Psalmbeter spricht davon, dass „Leib und Seele“ sich in dem lebendigen Gott freuen. Das ist ein schönes Bild: Der Glaube betrifft nicht nur den Kopf oder die Gedanken, sondern den ganzen Menschen. Wenn wir Gott begegnen, kann das unser ganzes Leben berühren – unsere Gefühle, unsere Hoffnung, unsere Freude.
Interessant ist auch, dass der Psalm Gott den „lebendigen Gott“ nennt. Damit hebt er sich von allen Götzen und menschlichen Vorstellungen ab. Gott ist nicht fern oder gleichgültig. Er ist lebendig, gegenwärtig und handelt in dieser Welt. Deshalb lohnt es sich, seine Nähe zu suchen.
Für Christen bekommt diese Sehnsucht ein Gegenüber: Jesus Christus. In ihm ist Gott den Menschen ganz nahe gekommen. Durch ihn dürfen wir wissen: Gott wohnt nicht nur an einem bestimmten Ort. Er ist mitten unter uns. Wir können ihm im Gebet begegnen, in der Gemeinschaft der Gemeinde, im Hören auf sein Wort und sogar in den kleinen Momenten des Alltags.
Der Psalm lädt uns ein, unsere eigene Sehnsucht ernst zu nehmen. Vielleicht spüren wir manchmal eine innere Unruhe oder das Gefühl, dass etwas fehlt. Anstatt diese Sehnsucht zu verdrängen, dürfen wir sie als Einladung verstehen: als Einladung, Gott neu zu suchen.
Denn in seiner Nähe finden wir das, wonach unser Herz sich wirklich sehnt. Dort finden wir Frieden, Orientierung und eine Freude, die tiefer reicht als äußere Umstände.
Ihre Andrea Grünhagen