Angedacht!


„Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden. Er zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen. Unser Herr ist groß und von großer Kraft, und unermesslich ist seine Weisheit.“
Psalm 147,3-5


Liebe Leserinnen und Leser,
Gruenhagen Andrea 175
„Weißt du wieviel Sternlein stehen, an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du wieviel Wolken gehen, weit hinüber alle Welt.
Gott der Herr hat sie gezählet,
dass ihm auch nicht, eines fehlet,
an der ganzen großen Zahl,
an der ganzen großen Zahl.“

Ich gehe mal davon aus, dass Sie dieses Kinderlied kennen. Die völlig prosaische Antwort auf die gestellte Frage ist übrigens: etwa 6500. So viele Sterne kann der Mensch mit bloßem Auge erkennen am nächtlichen Himmel, wie ein offensichtlich gänzlich unromantischer Zeitgenosse herausgefunden hat. In Städten wegen der Lichtverschmutzung deutlich weniger natürlich.

In Wahrheit kennt natürlich niemand die korrekte Anzahl und je mehr wir über das Werden und Vergehen von Sternen wissen, desto irrealer erscheint uns die Möglichkeit, hier sichere Aussagen zu machen. Es ist ja auch nicht so, dass Gott so etwas wie ein pedantischer Buchhalter ist, der sinnloserweise Sterne und Wolken zählt, wie der Schriftsteller Tucholsky meinte, auch wenn Gott tatsächlich die Zahl der Sterne und auch der Wolken (Hiob 28,37) kennt. Dass Zählen übrigens kein müßiger Zeitvertreib ist, sondern sehr real etwas mit Macht zu tun hat, ahnt jeder, der etwas von der Freude am Zählen und Dokumentieren der Ergebnisse ahnt, die in Diktaturen herrscht. Zählappelle und minutiöse Geheimdienstakten könnte man da nennen, sogar Verbrechen beginnen oft mit der Feststellung der Zahl möglicher Opfer. Auch die Bibel sagt, dass das Zählen im eigentlichen Sinne ein Herrschaftsakt ist, der nur Gott allein zukommt. So reagiert Gott zum Beispiel sehr ärgerlich, als der König David auf die Idee kommt, eine Volkszählung zu veranstalten. (2. Samuel 24).

Dass also Gott und nur er allein die Zahl von Wolken und Sternen kennt, ist ein Zeichen, dass er wirklich groß und von unermesslicher Kraft und Weisheit ist. Aber woher kann der Mensch das Vertrauen haben, dass sich diese Macht nicht gegen ihn richten wird?

Das oben zitierte Kinderlied, das von dem Pfarrer Wilhelm Hey (1789-1854) im Jahr 1837 veröffentlicht wurde, möchte ja den Kindern nicht etwa Angst machen, sondern sie zu der Gewissheit führen: … kennt auch dich und hat dich lieb.

Nun fällt es kleinen Kindern, die sich Gott oft als die einfach nur größere und bessere Variante der sowieso großen Erwachsenen vorstellen ja vielleicht noch leichter, diesen Gedanken gelten zu lassen. Aber irgendwann steigt ja dann vielleicht doch die Überlegung aus dem Herzen auf, ob es denn wirklich möglich sein kann, dass Gott unter allen Gebeten, die gerade jetzt gleichzeitig zu ihm dringen ausgerechnet auch mein Gebet hört, dass er wirklich mehrere Milliarden Menschen kennt, jeden einzelnen dieser unvorstellbaren Zahl ins Dasein gerufen hat und abgesehen davon auch die Kräfte der Natur unablässig lenkt. Ist das wahr? Und warum sollte Gott etwas an mir und meinem Schicksal liegen?

Das fragen sich Menschen oft vor allem dann, wenn sie mit Leid, Krankheit und persönlichen Problemen zu tun haben. Solange alles so einigermaßen läuft, ist der Gedanke an den „Herrn, der alles so herrlich regieret“ einigermaßen gut zu haben. Ich glaube aber, dass es kein Zufall ist, dass dieser große Gott in den obenstehenden Bibelworten mit gebrochenen Herzen und Wunden in Verbindung gebracht und zusammengedacht wird. Besonders wichtig ist mir das Bild von der Wundversorgung, vom Verbinden. Ein Verband kann lebensrettend sein, um eine Blutung zu stillen. Er kann aber auch dazu da sein, eine Wunde vor Verunreinigungen zu schützen und den langsamen Heilungsprozess zu unterstützen. Wie oft denken wir beim Thema Heilung an ein kurzfristiges Eingreifen Gottes, dabei sind doch auch die langen Heilungswege, die er bei körperlichen und seelischen Krankheiten mit uns geht, nicht weniger wunderbar.

Ich glaube, dass Christus beides tut: Er steht hinter den kleinen Schritten der Genesung und er steht wie ein Ersthelfer und Notfallseelsorger mitten in der Katastrophe bei dem Menschen dessen Herz gerade bricht und der blutet aus unzähligen Wunden. Dieser allmächtige Gott kennt und liebt uns auch dann, gerade dann.

„Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann …“ so hat es Paul Gerhardt gedichtet und das ist wahr.

Dr. Andrea Grünhagen

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