Angedacht!


„Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“
Jeremia 1,10


LiDr. Andrea Grünhagenebe Leserinnen und Leser,

mit diesen Worten schildert der Prophet Jeremia, welchen Auftrag Gott ihm bei seiner Berufung gegeben hat. Dabei war Jeremia eigentlich ein Prophet wider Willen, der zunächst gar nicht berufen werden wollte, weil er sich für zu jung hielt (Jeremia 1,6) und seine Berufung im Nachhinein als ein Überreden Gottes beklagte (Jeremia 20,7), dem er nachgegeben hatte. Das ist angesichts des bitteren Schicksals dieses Propheten auch gar nicht verwunderlich, dass er sich beschwert.

Aber schauen wir uns mal seinen Auftrag an. Gott hat Worte in seinen Mund gelegt. Was Jeremia predigen soll, sind nicht seine eigenen Gedanken, sondern das, was Gott seinem Volk ausgerichtet haben will. Das könnten wir von heutigen Predigten auch sagen. Es geht nicht um die Lieblingsthemen des Predigers oder seine kreativen Einfälle, sondern er hat eine Botschaft zu überbringen.

Ist er also nichts weiter als ein Sprachrohr, ein Verstärker, sonst nichts? Wäre es so, müssten ja noch heute alle Prediger zu einem Bibeltext genau dasselbe sagen, nicht die kleinste persönliche Note dürfte dabei zu finden sein. Aber so macht Gott es offenbar nicht. Die lutherische Dogmatik hält zum Beispiel fest, die Schreiber der biblischen Worte seien keine bewusstlosen Schreibfedern des Heiligen Geistes gewesen, sondern sie bringen ihr menschliches, unterschiedliches Erleben mit ein. So war es auch schon und gerade bei den Propheten Israels, die mit ihrer ganzen Existenz verkündigten, und das hatte durchaus unterschiedliche Akzente. Jeremia war einer, der vor allem Gottes Zorn und drohendes Unheil anzusagen hatte.

Aber eben nicht nur und damit kommen wir zum Inhalt seines Auftrags. Er soll ausreißen und einreißen, zerstören und verderben. Das hat er redlich getan und seine Zeitgenossen haben es ihm entsprechend vergolten. Aber er sollte auch bauen und pflanzen. Auch das ist etwas, das wir von jeder Predigt sagen können. Das Gesetz Gottes, das einreißt und verdirbt ist nie ohne das aufbauende Evangelium. Das zeichnet eine in Gottes Augen gute Predigt aus. Schon bei seinen Propheten ist Gott kein Freund einer Verkündigung, die einfach mit dem theologischen Beidhänder-Schwert oder noch schlimmer mit der dumpfen Totschlag-Keule alles plattmacht und draufhaut, womöglich um Beifall heischend nach den eigenen Parteigängern zu schielen, die rühmen, was man sich da getraut hat zu sagen. Das Gesetz Gottes ist feinstes Operationsbesteck, mit dem sorgfältig umzugehen ist, das aber tatsächlich trefflich schneidet. Es darf auch nie ohne die Botschaft von der Gnade Gottes gebraucht werden, weil es allein nur zu Überheblichkeit oder Verzweiflung führt. Das Evangelium darf aber umgekehrt auch nicht alles sein, was zu hören ist. Auf die Dauer ist nichts belangloser als ein Prediger, der vor allem liebgehabt werden will und seinerseits die Hörer seines anhaltenden Wohlwollens versichert. Dann wird aus der guten Nachricht eben auch nur allgemeine Nettigkeit, bei der auf alle Fragen, die ein Wort Gottes möglicherweise aufwerfen mag, nur noch „Christus“ als Antwort gegeben wird, was so richtig ist, dass es dann auch egal ist und niemandem in seinem Glauben und seinem Alltag hilft.

Jeremias Auftrag ist also ein doppelter. Das ist übrigens bei allen Menschen so, die Gott in eine besondere Verantwortung ruft. Es fängt schon bei Eltern an, die sorgfältig bedenken müssen, wo sie „Ja“ und wo sie „Nein“ sagen, wo sie etwas verweigern und fordern oder etwas schenken und fördern. Lutherisch gesprochen sind Eltern das Urbild aller Verantwortungs- und Entscheidungsträger. Dass das natürlich nicht willkürlich geschehen darf, versteht sich von selbst, denn Gott, der beauftragt, ist auch die Instanz, der man Rechenschaft schuldet.

Überlegen Sie doch heute mal, wo Sie in ihrem Alltag einer so beschriebenen Verantwortung begegnen. Was ist ihr Auftrag? Vielleicht hätten Sie eine bestimmte Aufgabe sogar lieber nicht, so wie sich Jeremia ja auch gewehrt hat. Können Sie trotzdem entdecken, was Gott damit will? Ich bin sicher, es gibt viel zu entdecken.

Andrea Grünhagen

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