Angedacht!


"Strebt nach der Liebe!“

1. Korinther 14,1

LiDr. Andrea Grünhagenebe Leserinnen und Leser,

also ich gestehe es, mir wäre das nun wirklich nicht als erstes eingefallen, wenn ich über das Thema Gottesdienst reden sollte. Aber dem Apostel Paulus ganz offensichtlich schon. Bevor er der Gemeinde in Korinth etwas über den Sinn und Unsinn des Redens „in Zungen“ in der öffentlichen gottesdienstlichen Versammlung mitteilt und danach auf weitere Fragen zu sprechen kommt, stellt er diese Mahnung voran: Strebt nach der Liebe! Was Paulus unter „Liebe“ versteht, hatte er gerade im Kapitel zuvor deutlich gemacht. Ein Gottesdienst, der pure Emotion ist? Da gab es damals in Korinth einige, denen diese Vorstellung gut gefallen hätte. Aber dass es beim Leben als Christ nicht um Liebe als emotionalen Ausnahmezustand geht, hatte Paulus ihnen darum nicht umsonst gerade gesagt. Bei Liebe, wie Paulus sie hier predigt, geht es um Geduld und Freundlichkeit, darum, sich nicht zu ereifern, nicht mutwillig zu handeln, sich nicht in den Vordergrund zu stellen, nicht auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, sich nicht ungehörig zu verhalten, der Bitterkeit keinen Raum zu geben, zu vergeben, keine Freude am Bösen zu haben, sondern für die Wahrheit einzutreten und dabei, kurz gesagt, alles zu ertragen, alles zu glauben, alles zu hoffen und alles zu erdulden. (1. Korinther.13,4-7)

Und mit dieser Liebe, die viel mehr eine Haltung ist als ein Gefühl, sollte eine Gemeinde auch Gottesdienst feiern. Damals in Korinth gab es zahlreiche Gemeindeglieder, die sich rühmten, die Geistesgabe der sogenannten „Zungenrede“ zu besitzen, d.h. durch den Heiligen Geist zu Gott in einer ihnen selbst unbekannten Sprache beten zu können. Paulus selbst hatte diese Gabe auch (1. Korinther 14,18), aber er hielt es nicht für richtig, sie im Gottesdienst, womöglich mit mehreren gleichzeitig und ohne das Gesagte übersetzen zu können, zu nutzen. Im Gottesdienst ist vielmehr eine andere Gabe, nämlich die der prophetischen Rede angesagt. (1. Korinther 14,3) Es soll zu Menschen geredet werden, um sie zu erbauen, zu ermahnen und zu trösten. Man könnte sagen, das sind die Dinge, die eine gute Predigt auszeichnen.

Es geht also letztlich um die Frage: Wen willst du im Gottesdienst eigentlich „erbauen“, also geistlich aufbauen, stärken, auf den richtigen Weg führen, Trost zu sprechen. Dir selbst oder den anderen? (1. Korinther 14,4)

Um „Zungenrede ja oder nein“ geht es offensichtlich also nur vordergründig. Es geht um „Egoismus ja oder nein.“ Und zwar auch für diejenigen von uns, die noch nie von Zungenrede oder vergleichbaren Phänomen gehört haben und denen auch nichts ferner läge, als dies praktizieren zu wollen.

Mit welcher Haltung feierst du Gottesdienst? Ist in euren Gottesdiensten diese selbstlose Liebe zu spüren, die für Gott der Maßstab ist?

Und vor allem: sie ist nicht nur das Maß, mit dem Gott uns und unser Tun misst, sondern die Art und Weise, wie er uns liebt. So ist Christus: geduldig, gütig, freundlich, demütig, selbstlos … Wie könnte unser Gottesdienst anders sein?

Andrea Grünhagen

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