Angedacht!


„Das ist gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.“
1. Timotheus 1,15


Liebe Leserinnen und Leser,
Gruenhagen Andrea 175
bevor sich die besonders mit der Lutherbibel vertrauten unter Ihnen jetzt wundern: Doch, dieser Vers lautet wieder so. Die Revision der Lutherbibel hat uns tatsächlich die schöne Formulierung vom „teuer werten Wort“ wiedergeschenkt. Das klingt nicht nur nach Luther als Übersetzer, das ist einfach schön. Bisschen altmodisch, aber schön. Bei der Überarbeitung der Lutherbibel aus dem Jahr 1984 hieß es: „Das ist gewisslich wahr und ein Wort des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.“ Solche Unterschiede wahrzunehmen zeigt uns einmal mehr, dass die Lutherübersetzung nicht vom Himmel gefallen ist. Eine nächste Revision in ein paar Jahren wird vielleicht noch anders übersetzen.

Falls Sie nun wissen wollen, was da eigentlich steht, kommt hier mein Versuch einer Übersetzung: „Das Wort/die Rede ist wahrhaftig und aller Akzeptanz wert: Christus Jesus kam in die Welt, um die Sünder zu retten, von denen ich der erste bin. Zugegeben, bei Luther klingt das eleganter.

Aber was will Paulus uns denn hier sagen? Es ist ja Paulus, der sich als der erste, also der größte Sünder bezeichnet. Darauf weist er ein paar Verse davor hin. Aber, so sagt er, da ist dieses wichtige, zuverlässige Wort, das man beherzigen soll. Vielleicht wurde es auch schon Paulus als Glaubensbekenntnis beigebracht. Dieses Glaubensbekenntnis sagt aus: Jesus ist der Christus, also der Messias. Dieser Jesus ist in die Welt gekommen, um Sünder zu retten. Also auch, um Paulus zu retten.

Ich weiß ja nicht wie viele Menschen Sie kennen, die andere als „Sünder“ bezeichnen. Nicht so viele wahrscheinlich. Und noch weniger, die sich selbst als „Sünder“ bezeichnen. Und wie viele von denen glauben das auch wirklich?

Sünder, das klingt für heutige Ohren entweder nach finsterem Mittelalter oder nach wohlig-christlichem Gruppenerlebnis, bei dem viel von Sünde und Sündern die Rede ist. Das sind dann aber meistens die anderen. Also die, die man gerne retten möchte.

„Fataler Fehler“ würde Paulus dazu wahrscheinlich sagen. Er hatte es als jüdischer Pharisäer recht weit gebracht in Sachen „nicht sündigen.“ Dachte er jedenfalls. Und dann begegnet ihm Jesus und er erkennt, dass er der größte Sünder von allen ist. Dass er auch gerettet werden muss. Besser gesagt: dass er gerettet worden ist. Von diesem Jesus.

Das schreibt er an seinen Schüler Timotheus, das predigt er. Er predigt sich beides zuerst mal selbst: Erstens: Du hast gesündigt. Zweitens: Jesus rettet dich. Es ist sehr gut, sich das vor allem anderen erst mal selbst zu predigen und es zu glauben. Luther hat ja auch zuerst lange gebraucht, bis er das verstanden hatte und für sich selbst gelten lassen konnte. Deshalb bezeichnet er es wohl als teuer. Es ist wertvoll für ihn.

Und wie ist es nun bei uns? Wenn man in der Kirche nichts mehr von Sündern hört, ist das kein gutes Zeichen. Wenn in der Kirche Sünder nur andere sind, aber ich selbst höchstens ein ganz klein wenig, dann hilft das auch nur wenig. Aber wenn jemand erkennt, wie kaputt und verloren und hilfsbedürftig er eigentlich ist und dann von dieser Botschaft hört, von diesem verlässlichen, wertvollen Wort, von diesem Evangelium und es glaubt – dann passiert das, wozu Jesus in die Welt gekommen ist: Dieser Sünder wird gerettet.

Dr. Andrea Grünhagen

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