Angedacht!


„Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“
Matthäus 6,34


LiDr. Andrea Grünhagenebe Leserinnen und Leser,

neulich sah ich eine Postkarte, auf der sinngemäß stand: „Hör auf, dir Sorgen zu machen. 90% dessen, weshalb wir uns sorgen, tritt sowieso nie ein. Und um die restlichen 10% kannst du dich kümmern, wenn es dran ist.“

Jemand wie ich, der sehr gut darin ist, sich ständig um alles Sorgen zu machen und grundsätzlich vom Schlimmsten auszugehen, hat da wahrscheinlich eine noch bessere Bilanz. Ich sorge mich so gründlich, dass bei mir höchsten 2% der erwarteten Katastrophen eintreten, mehr ist wahrscheinlich rein statistisch gar nicht möglich. Andererseits gilt natürlich auch, dass, wenn bei den eintretenden 10% etwas wirklich ganz Schlimmes dabei ist, es auch kein Trost bedeutet, dass immerhin die anderen 90% der Befürchtungen nicht eingetreten sind.

Zur Zeit sind wir in Sachen Besorgnis ja unfreiwillig Teil eines Experiments, an dem wir nie teilnehmen wollten. Es wird die Psychologen, Soziologen und Historiker noch in vielen Jahren beschäftigen, warum große Teile der deutschen Gesellschaft meinten, ausgerechnet Toilettenpapier und Nudeln zu brauchen, als die Lage anfing, unübersichtlich zu werden. Vermuten kann man, dass es nicht um die gekauften Güter an sich ging, sondern um das gute Gefühl, irgendwie Vorsorge getroffen zu haben. Ist Vorsorge nun gut oder schlecht? Winston Churchill soll ja gesagt haben: „Verpasse keine Krise!“ oder so. Ich denke, wir bekommen gerade eine wichtige Lektion in Sachen „sorgen für morgen“ erteilt. Die eine, sozusagen der große Maßstab ist, dass man ganz dankbar sein kann für eine Regierung, die es immerhin schafft, auch in Krisenzeiten die Versorgungslage stabil zu halten. Ist ja doch gut, dass die Landwirtschaftsministerin nicht gesagt hat: „Seht die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht …“. Wer für andere zu sorgen hat, kommt nicht umhin, Vorsorge zu betreiben, auch im kleinen Maßstab. Eine Mutter von mehreren Kindern denkt besser an neue Winterschuhe bevor es kalt wird. Vielleicht erfüllt sie, wenn alle Stiefel gekauft sind, sogar so ein bisschen ein Gefühl wie den reichen Kornbauern im Gleichnis Jesu: „Habe nun Ruhe liebe Seele, du hast einen Vorrat für viele Jahre … na ja okay, bis die Kinder nächstes Frühjahr neue Schuhe brauchen und das Ganze von vorne losgeht.“

Es wäre zum Beispiel auch sträflicher Leichtsinn zu denken: „Ich mach mir keine Sorgen, also mach ich auch keine Vorsorgeuntersuchung.“ Besser wäre: „Mach gewissenhaft alle Vorsorgeuntersuchungen, aber mach dir nicht zu viele Sorgen.“ Ob man nämlich Vorsorge trifft oder sich im Voraus Sorgen macht, ist der Unterschied, um den es geht. Notgedrungen lernt man ja gerade, stärker von Tag zu Tag zu denken. Dass muss man in jeder Krise, in globalen wie in persönlichen. Klar plane ich etwas, aber ob und wie es stattfindet, sehen wir dann eben morgen.

Manche Leute macht das wahnsinnig, weil sie hassen, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Ich persönlich beziehe nie das Gästebett mit frischer Bettwäsche, bevor die Gäste nicht gemeldet haben, dass sie wirklich auf dem Weg zu uns sind. Immerhin weiß ich, dass das besonders momentan nicht die beste Strategie ist. Andere resignieren und planen gar nichts mehr, weshalb dann nicht nur vielleicht, sondern ganz sicher nichts stattfindet. Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit und die hat Jesus gemeint: Plane und bereite vor, soviel an dir liegt. Aber dann lass los und schau, ob der morgige Tag nicht vielleicht doch für das Seine sorgt. Es sorgt übrigens natürlich nicht der Tag, sondern Gott. In jüdischer Redeweise redet man oft so von Gott, ohne ihn direkt zu nennen.

Damit sind wir beim Kern der Sache: Vertrauen. Ich höre von Menschen, die nach „Corona-Alpträumen“ nachts schweißgebadet aufwachen. Andere haben handfeste Ängste, weil der Betrieb gerade so richtig in die roten Zahlen rutscht, weil Arbeitslosigkeit droht, weil nahestehende Menschen erkranken, weil sie nicht wissen, ob ihre Kinder die Schule unter diesen Bedingungen schaffen oder weil sie nicht wissen, was passiert, wenn sie in Quarantäne müssen oder wirklich schwer erkranken. Die Wahrscheinlichkeit, einem Haiangriff zum Opfer zu fallen oder von einer Kokosnuss erschlagen zu werden ist auch verschwindend gering. Aber wenn du derjenige bist, dem das passiert, bist du trotzdem tot. „Mach dir keine Sorgen, wird schon …“ bringt in solchen Fällen gar nichts.

Das hat Jesus auch nicht gemeint, als er von den Blumen und Vögeln sprach, für die Gott sorgt. Wobei uns ja, weitere wichtige Lektion, nun gerade zum Glück auch die naive Vorstellung abhandenkommt, man müsse bei irgendetwas „nur der Natur ihren Lauf lassen.“ Das hat Jesus auch nicht gemeint. Die Natur an sich bzw. die Schöpfung nach dem Sündenfall beinhaltet auch in für Menschen gefährliche Richtungen mutierende Viren und eine Menge anderer Katastrophen. Blumen blühen und Vögel leben nur solange, bis die ihnen von Gott gesetzte Lebensspanne erreicht ist. Aber wann die erreicht ist und was sie bis dahin brauchen, das weiß Gott und dafür sorgt er. Auch bei uns. Nichts, aber auch gar nichts, geschieht ohne seinen Willen. Er ist der allmächtige Schöpfer und Erhalter. Wo aber Christen das nicht mehr glauben und verkündigen, wo sie nicht bezeugen, dass Gott „Wolken, Luft und Winden, gibt Wege Lauf und Bahn“, da muss man sich nicht wundern, dass das Vertrauen, dass dieser Gott „auch Wege findet, da dein Fuß gehen kann.“ schwächer wird.

Gott sitzt eben ganz oder gar nicht „im Regimente.“ Aber wer das glaubt und darauf vertraut, dass es so ist, dem kann die Angst nicht das Herz abdrücken, der ist frei, alles Nötige zu tun für morgen. Denn Gott ist auch morgen da.

Andrea Grünhagen

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