Angedacht!


"Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.“

Lukas 11,1


LiDr. Andrea Grünhagenebe Leserinnen und Leser,

wenn Jesus selbst Gott ist, zu wem betet er denn dann? Das ist eine Frage, die nicht selten von Konfirmanden der aufgeweckteren Sorte gestellt wird. Vom Neuen Testament her können wir sagen: Jesus betet „zum Vater“. Wir bekommen an den Stellen, an denen vom Beten Jesu die Rede ist, sozusagen ein Stück der Kommunikation der heiligen Dreieinigkeit zu sehen.

Wir wissen, dass der Herr sich oft an einsame Orte zurückgezogen hat, um zu beten. In die Wüste, auf Berge, in den Garten Gethsemane. Diesen Rückzug zum Gebet empfiehlt er auch seinen Nachfolgern, wenn er davon spricht, „in sein Kämmerlein“ zu gehen, um zu beten. (Matthäus 6)

Gleichzeitig hat er seine Jünger und andere auch an seinem Gebet teilhaben lassen, zum Beispiel bei der Auferweckung des Lazarus oder bei den Tischgebeten vor gemeinsamen Mahlzeiten und am Kreuz. Und auch in der hier erwähnten Situation müssen die Jünger ja mindestens so nahe bei ihm gewesen sein, dass sie verstanden haben, dass er betet. Und sie bitten ihn, sie das auch so zu lehren.

Das ist erstaunlich, denn man sollte ja annehmen, dass die Jünger, die doch alle im jüdischen Glauben erzogen worden sind, auch sonst schon gebetet haben und beten konnten. Was also soll er sie lehren?

Vielleicht möchten sie lernen, Gott zu bitten wie „die lieben Kinder ihren lieben Vater“, wie Luther es im Katechismus formuliert hat. Denn mit der Anrede beginnt es ja. Die lautet im Lukasevangelium schlicht: „Vater.“ Es mag sein, dass nicht in dem Begriff allein, sondern in der Beziehung das Neue liegt, dass Jesus seine Jünger lehrte.

Für uns ist es nichts Neues mehr, Gott als Vater anreden zu dürfen. Dabei ist es doch gar keine Selbstverständlichkeit. Es ist im Gegenteil sogar etwas sehr Besonderes und Tröstliches.

In jedem Jahr ist der Sonntag Rogate („Betet!“) eine Chance, dies und noch viel mehr in Sachen Gebet neu zu entdecken oder uns wieder bewusst zu machen. Wer kann und mag könnte sich vornehmen, wieder oder überhaupt einmal zu lesen, was zum Beispiel Luther im Kleinen Katechismus dazu geschrieben hat. Bei manchem mag das ja sogar, wenn auch etwas verschüttet, noch in Kopf und Herzen sitzen.

Und wer noch gar nichts vom Beten weiß? Die Bitte der Jünger ist jedenfalls schon mal ein guter Anfang: „Herr, lehre uns beten.“ So kann man beginnen. Oder man kann damit den Gesprächsfaden zu Gott, wenn er abgerissen sein sollte, wieder neu aufnehmen. Vielleicht brauchen wir dazu auch einen bestimmten ruhigen Ort. Der Sonntag Rogate ist jedenfalls eine Einladung dazu.

Andrea Grünhagen

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