Angedacht!


"So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.“

Jesaja 63,15

"Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.“
Jesaja 64,3b


LiDr. Andrea Grünhagenebe Leserinnen und Leser,

da haben wir es wieder, dieses Wörtchen „harren“! Das Sprichwort sagt: „Hoffen und Harren macht Menschen zu Narren!“ Ja, manchmal hofft und wartet man vergeblich. Aber wäre es deshalb klüger, gleich aufzugeben? Nichts mehr zu erhoffen für sich und andere? Nicht vertrauensvoll abzuwarten, sondern alles sofort selbst in die Hand zu nehmen? Wäre es besser, niemandem mehr zu vertrauen und keinem etwas zuzutrauen? Auch Gott nicht? Wo die Verzweiflung zu groß wird, kann es passieren, dass einem solche Gedanken kommen.

Eine sehr düstere Situation spiegeln auch die obenstehenden Bibelworte wider. Der Prophet Jesaja fasst die Stimmungslage seines jüdischen Volkes angesichts des Exils in Babylon und des zerstörten Tempels von Jerusalem in Worte. Schon allein das kann für hoffnungslose oder missgestimmte Menschen ja schon eine Hilfe sein, wenn jemand Worte für ihre Stimmung findet. Allerdings ist nicht Resignation hier bei Jesaja die Ausgangslage, sondern Wut. Im Grunde schreit der Prophet nicht zu Gott, sondern er schreit ihn an: „Gott, du bist so weit weg! Irgendwo im Himmel. Schau doch endlich mal auf uns herunter und sieh unsere Misere an! Weißt du eigentlich, wie es mir gerade geht? Und wenn du es vielleicht weißt, warum tust du nichts? Was ist mit deinem Eifer – willst du nicht helfen? Und mit deiner Macht – kannst du nicht helfen? Du, der barmherzige Gott, lässt mich nur Härte spüren!“

Wer so schreit, der erwartet wenigstens noch etwas von Gott, wahrscheinlich gegen den äußerlichen Augenschein und völlig irrational. Ein Narr. Und schier undenkbar ist auch, was Jesaja dann von Gott will: Dass er seine heilige herrliche Wohnung verlässt und heruntersteigt auf diese Erde, in dieses Elend, dass er endlich kommt: „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen …“ (Jesaja 63,19) Gedacht ist bei Jesaja an ein Kommen Gottes zum Gericht über Israels Feinde. Das Maß des Erträglichen ist voll. Gott soll endlich kommen und eingreifen. Aus einer ähnlich bedrückenden Lage ist das Lied „O Heiland reiß die Himmel auf …“ von Friedrich von Spee gedichtet worden, der sich dabei von den Worten Jesajas inspirieren ließ, weil sie auch seine Gefühle ausdrückten.

Als Christen wissen wir, dass Gott tatsächlich gekommen ist. Dass er tatsächlich aus der Ewigkeit in die Zeit gekommen ist, dass er das Leid und den Tod nicht nur angesehen, sondern bis zum Letzten erlitten hat.

Er hat sehr grundsätzlich eingegriffen in seinem Sohn Jesus Christus.

Weil das wahr ist, weil er sich unüberbietbar als barmherzig erwiesen hat, deshalb haben wir Hoffnung für Zeit und Ewigkeit. Ja, in der Zeit, in dieser Zeit und für unser Leben auch. Für das Leben vor dem Tod sozusagen. Manchmal möchten wir Gott vielleicht auch einfach nur noch anschreien. Manchmal wollen wir uns vielleicht einfach schweigend und enttäuscht abwenden. Die Antwort auf Enttäuschung ist oft Schweigen, weil Wut zu viel Kraft kosten würde.

Der Prophet hat Worte gefunden für seine Klage, viele Worte. Und irgendwann ist er dann soweit, sich wieder zur Hoffnung durchzuringen. Was gibt ihm Hoffnung? Die Gewissheit, dass Gott uns wohl tun kann über alles hinaus, was die bisherige Erfahrung uns lehrt: Dass die, die auf Gott warten, eine Wendung ihres Elends erleben werden. Wann und wie und ob nicht doch manchmal erst in der Ewigkeit, das wissen wir nicht. In den Bibelworten für diese Andacht klingt noch ein anderes Lied an, vielleicht ist es Ihnen schon gleich in den Sinn gekommen: „Kein Aug hat je gespürt, kein Ohr hat mehr gehört solche Freude. Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja für und für.“

Deshalb, bloß nicht aufhören zu „harren“, sonst könnte man ja die Freude verpassen!

Andrea Grünhagen

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