Angedacht!


„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“
Psalm 98,1


LGruenhagen 160pxiebe Leserinnen und Leser,

zuerst wusste ich gar nicht, was ich sagen sollte, als ich folgenden Satz zu hören bekam. „In der Bibel steht, wir sollen Gott ein neues Lied singen, aber bei euch im Gottesdienst werden ja nur alte Lieder gesungen!“

Na, Zeit ist relativ, oder? Wie neu muss das „neue Lied“ denn sein? Was unter dem Stichwort „Neues Liedgut“ gehandelt wird, stammt in der Regel auch aus der Zeit vor meiner Geburt. Aber es ist natürlich relativ neuer als ein Lied aus der Reformationszeit. Oder müssen es ganz neue Lieder sein, also nicht älter als sagen wir mal zehn Jahre? Dann wäre Zeit das entscheidende Kriterium, also ein ziemlich relatives Kriterium.

Oder sollte damit gesagt sein, dass die Person die gesungenen Lieder nicht mehr als neu empfindet, weil sie sie ja schon alle kennt? Das wäre dann ein subjektives Kriterium. Abgesehen davon, dass man Bibelworte generell nicht als Totschlagargument benutzen sollte, ist die Aussage des mich ratlos machenden Satzes also eher eine persönliche Wertung.

Biblisch hat das „neue Lied“ nämlich gar nichts mit Zeit, sondern ganz viel mit Ewigkeit zu tun. Wenn man sich den 98. Psalm, aus dem der zitierte Vers stammt, durchliest, merkt man sehr schnell, dass es um den Zeitpunkt geht, wenn der Herr kommt, „um den Erdkreis zu richten“. Dann ist die Zeit für das neue Lied, weil dann etwas ganz Neues beginnt und ein Jubel anhebt, der die ganze Schöpfung erfüllen wird.

Diese Aussage des Alten Testaments wird im prophetischen Buch des Neuen Testaments, in der Offenbarung des Johannes, bestätigt: „Und als es (das Lamm = Jesus) das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und einer jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel, denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden. Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Wesen und um die Ältesten her und ihre Zahl war zehntausendmal zehntausend und vieltausend mal tausend; die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.“ (Offenbarung 5,8-12)

Wir dürfen hier einen Blick in die Ewigkeit werfen und den himmlischen Gottesdienst sehen. Da wird das neue Lied gesungen, denn etwas unvorstellbar Neues ist geschehen, die Erlösung durch das Blut des Lammes, also durch das Opfer Jesu am Kreuz. Das wird gerühmt, der wird verherrlicht. Und deshalb ist dieser himmlische Gottesdienst das Kriterium, an dem unsere Gottesdienste sich messen lassen müssen. Steht in unseren Gottesdiensten Christus und was er für uns getan hat im Zentrum? Wird er gelobt und gepriesen? Geht in diesen Gottesdiensten das Fenster zur Ewigkeit auf? Wenn nicht, dann hilft weder ein modernes Lied, noch die prächtigste barocke Kirchenmusik, weder Trompeten noch Posaunen, weder Band noch Orgel.

Menschliche Vorlieben und was nun modern oder altmodisch ist sind kein Kriterium dafür, ob der gefeierte Gottesdienst auf biblischer Grundlage steht. Es geht darum, ob es um den geht, der im neuen Lied der Erlösten gelobt wird. Das hätte ich wohl mal antworten sollen.

Dr. Andrea Grünhagen

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