Lesenswert


An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichten Buchvorstellungen hat Doris Michel-Schmidt verfasst.


Lesenswert


Middlemarch


Cover EliotEs gibt Bücher, in die taucht man ein, sobald man zu lesen beginnt. Sie versetzen einen in ein anderes Leben, das einem selbst genügend fremd ist, um neugierig zu werden und gleichzeitig so nah, um sich selbst darin gespiegelt zu finden. Middlemarch ist so ein Buch. George Eliot, die Autorin, lebte im 19. Jahrhundert in England und hieß eigentlich Mary Ann Evans. Sie legte sich ein männliches Pseudonym zu, um ihre literarische Karriere zu befördern.

Mit Middlemarch inszeniert sie eine Kleinstadt in Mittelengland um 1830. Sie setzt Figuren in diese Szenerie hinein, die sofort lebendig werden. Die Schicksale, die sie nach und nach miteinander verwebt, rühren einen an. Man leidet mit den Menschen, deren Pläne und Hoffnungen zerrinnen, deren Beziehungen geprägt sind von Konventionen und Vorurteilen. Eine der Hauptfiguren ist die verwaiste Dorothea Brooke, die sich nach einem hehren geistigen Leben sehnt und glaubt, dieses in der Ehe mit dem älteren Pastor Casaubon zu finden. Der Geistliche, der sich in seiner fruchtlosen Forschung über Mythologien verloren hat, entpuppt sich aber schnell als liebloser, eifersüchtiger Gelehrter, dem Dorotheas Wissensdurst, den er zunächst als Bewunderung genossen hatte, schnell lästig wird.

Dann ist da auf der anderen Seite der zugezogene junge Arzt Tertius Lydgate. Er ist ambitioniert, idealistisch, schert sich scheinbar nicht um Standesdünkel und Gepflogenheiten. Er will den Kranken helfen, neue medizinische Methoden einführen, baut ein Krankenhaus auf. Und heiratet – die falsche Frau. Das sind nur zwei Schicksale, die mit vielen anderen verknüpft werden: Verwandte, Nachbarn, Pfarrer, Ärzte, der Bankier, Politiker, Gutsbesitzer – sie alle gehören zu diesem Kosmos. Sie sind aufeinander angewiesen und stoßen sich ab. Sie wissen um ihre Schuld und versuchen irgendwie durchzukommen. Sie wollen geliebt werden und finden doch keine Ruhe. Wie im richtigen Leben halt.

Was diesen wunderbaren Roman auszeichnet, ist die Präzision, mit der die Psychologie der Figuren entwickelt wird. In nur wenigen Sätzen wird eine Gemütslage offenbart, werden Hoffnungen angedeutet und verborgene Ängste konkret.

Man kann gar nicht anders, als alle diese Figuren mit großer Sympathie zu begleiten, mit ihnen das Scheitern von Plänen zu erleiden und doch auf einen Ausweg zu hoffen. Und ganz nebenbei erfährt man sehr viel Wissenswertes über die damalige politische Situation, über das Gesundheitswesen, die Landwirtschaft und die Glaubenspraxis im viktorianischen England.

Die Sprachkunst dieser hierzulande viel zu unbekannten Autorin ist unvergleichlich. Ihr Humor ist es auch. Anlässlich ihres 200. Geburtstags 2019 erschienen zwei Neuausgaben mit unterschiedlichen Übersetzungen ihres großen Romans, die nun auch als Taschenbücher erhältlich sind. Wer dicke kluge, unterhaltsame Schmöker mag, muss Middlemarch lesen. Über 1000 Seiten reines Lesevergnügen!


George Eliot
Middlemarch. Eine Studie aus dem Leben in der Provinz.
Roman. Aus dem Englischen von Rainer Zerbst.
Deutscher Taschenbuch Verlag, Taschenbuch-Ausgabe, München 2021. 1150 Seiten, 14,90 Euro

George Eliot
Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz.
Roman. Aus dem Englischen von Melanie Walz.
Rowohlt Verlag, Taschenbuchausgabe Hamburg 2021, 1264 Seiten, 20,00 Euro




Hana

Cover KochHana, Tochter einer Jüdin aus Dresden, ist katholisch getauft und lebt bei ihren Stiefeltern in dem sorbischen 200-Seelen-Dorf Horka in der Nähe von Kamenz. Sie weiß um ihre Herkunft, aber sie ist glücklich in Horka und sie liebt ihre Eltern, die sie angenommen haben und sie wie ihre eigene Tochter aufziehen. Außerdem ist sie verliebt in Boscij und er in sie. Alles könnte gut werden. Aber es ist das Jahr 1939, und auch in Horka zieht die nationalsozialistische Bedrohung die Einwohner mehr und mehr in den Abgrund.

Als ein Dorfbewohner auf mysteriöse Weise ums Leben kommt, wird klar, dass auch Hana bedroht ist. Sie muss bei einer Feier den Tanzsaal verlassen, ein „Vergnügungsverbot“ für Nichtarier verlange das, sagt der Ortspolizist Beier, und er müsse von Amts wegen die Anweisungen durchsetzen, auch wenn er „sie sich nicht ausgedacht“ habe. Wenig später taucht die Gestapo auf und erklärt Hana, dass ihr ab sofort jeglicher Gottesdienstbesuch untersagt ist.

Ihr Freund Boscij versucht, sie außer Landes zu bringen, aber der Fluchtversuch scheitert. Hana wird verhaftet. Was danach mit ihr geschehen ist, bleibt im Dunkeln.

Die Geschichte von Hana beruht auf authentischen Ereignissen. Der Schriftsteller Jurij Koch, der selbst aus dem Dorf Horka stammt, hat ihr in seiner Novelle ein literarisches Denkmal gesetzt.

Der Historiker Hermann Simon hat die Geschichte von Hana ebenfalls akribisch recherchiert. In seinem ausführlichen Nachwort stellt er die Fakten anhand der gefundenen Dokumente dar und ergänzt damit die Erzählung von Jurij Koch. Vermutlich starb Hana 1943. Wo, ist nicht bekannt.

Ein eindrückliches Zeugnis dafür, dass Geschichte deutlich wird am Einzelschicksal. Und dass man nie aufhören darf, Geschichten wie die von Hana zu erzählen.


Jurij Koch
Hana. Eine jüdisch-sorbische Erzählung
Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin/Leipzig 2020, 120 Seiten, 16,00 Euro




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