Entscheidungen treffen und mit ihnen leben | 01.03.2021

Entscheidungen treffen und mit ihnen leben
SELK: Digitale Veranstaltung des Wilhelm-Löhe-Seminars

Korbach/Marburg, 1.3.2021 - selk - Am vergangenen Donnerstag veranstaltete das am - der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) zugeordneten - Diakonissenwerk Korbach angesiedelte Wilhelm-Löhe-Seminar einen weiteren digitalen Vortragsabend. Zum Thema "'Befiehl du deine Wege ...' oder: Entscheidungen treffen und mit ihnen leben" referierte Pfarrer Manfred Holst, Propst der Kirchenregion Süd der SELK, Diplom-Supervisor für soziale Berufe und Mediator.

Holst zitierte zum Einstieg den griechischen Denker Pythagoras, der im sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte: "Die kürzesten Worte Ja und Nein erfordern das meiste Nachdenken". Diese Weisheit bestätigte auch der Inhalt des Vortrags, der in seiner Vielschichtigkeit den Bogen spannte von den Veränderungen in Gesellschaft und Kirche mit den heutigen viel größeren und vielfältigeren Möglichkeiten als früher und dem damit zusammenhängenden höherem Tempo, in denen Entscheidungen getroffen werden müssen, über wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema der Willensfreiheit, die Aspekte, was Entscheidungen schwer machen könne, und Aussagen Martin Luthers bis hin zu Leben mit Liedern und im Gebet.

Die Freiheit des Menschen und seiner Entscheidungen sei ein Grundpfeiler demokratischer Gesellschaften. Jedoch werde in Philosophie und Naturwissenschaft um die Freiheit des Willens gestritten, so der Referent: In der heutigen Debatte gingen jedoch etliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon aus, dass es prinzipiell eine Willensfreiheit gebe, die jedoch von vielen Faktoren, inneren und äußeren, stark beeinflusst werde. Holst formulierte, dass die lutherische Theologie sich intensiv mit der Frage nach der Freiheit des Willens beschäftigt habe. Es gehe um eine Unterscheidung zwischen der Unfreiheit des Willens, wenn es um den Glauben an Gott gehe, und einer Entscheidungsfreiheit, wenn es um das alltägliche Leben gehe, in der die Vernunft ihre "Freiheit" habe, wie es in Artikel 18 der Augsburger Konfession formuliert werde.

Gute Entscheidungen seien nie auf den Moment der Wahl beschränkt, sondern das Ergebnis eines Prozesses, so der Theologe, Supervisor und Mediator. "Jede Entscheidung zielt darauf ab, einen unklaren Zustand zu beenden. Es geht um Klärung und ,Entschiedenheit'."

"Menschen sind geteilte Wesen, dessen Teile leicht in Streit geraten. Im Patchwork-Wesen (so bezeichnen Wissenschaftler die Menschen) streiten Gefühl und Verstand, Instinkt und Einsicht, Egoist und Altruist, Engel und Teufel - im Menschen ziehen verschiedene Kräfte oder Instanzen in verschiedene Richtungen.  Und damit sind wir schon sehr nahe an dem christlichen Menschenbild, wie Martin Luther es formuliert hat." Je mehr Möglichkeiten vorhanden sind, desto weniger Optionen kann der Mensch verwirklichen. Holst weiter: "Ohne einen eigenen Hintergrund an Werten, Einstellungen und Überzeugungen bleiben Menschen eher ,postmoderne Surfer', ohne Orientierung bei Entscheidungen."

Manche Christinnen und Christen dächten häufiger, dass der schwerere Weg und die Entscheidung für den schweren Weg eher Gottes Weg sei. Der Referent betonte, dass zu unterscheiden sei, ob man das "Kreuz" wähle oder ob man es annehme, wenn es von einem verlangt werde. Das "Kreuz" zu wählen sei etwas anderes als das "Kreuz" anzunehmen. Damit werde deutlich, dass schwere Wege nicht "automatisch" Gottes Wege seien.

Der Referent zeigte Schritte zu einer guten Entscheidung auf, aber auch Denkfehler, die vorkommen. Er stellte das WRAP- Konzept vor. Es steht für: W wie Weiten der Wahlmöglichkeiten R wie Realitätsprüfung A wie Abstand gewinnen P wie Problemvorsorge. Und er gab Leitsätze an die Hand, die Orientierung geben können.

Holst formulierte die Hilfestellungen der lutherischen Frömmigkeit und erläuterte, dass in Entscheidungssituationen vielen Glaubenden die Psalmgebete und Choräle helfen würden, wie zum Beispiel "Befiehl du deine Wege ..."  Evangelisch-lutherische Spiritualität lebe vom Hören auf Gottes Wort und seiner Zusage, die Vertrauen schaffe. Dabei gehe es nicht um ein eher magisches "Bibelaufschlagen" in unsicheren Zeiten, um Sicherheit zu gewinnen. Nicht zuletzt sei es möglich, mit der Reformation zwischen Person und Werk zu unterscheiden. "Auch wenn unser Werk und unsere Entscheidungen nicht immer ,richtig' oder vielleicht sogar mit Schuld verbunden sind, geht es darum, sich Gott und seiner Barmherzigkeit anzubefehlen. Gottes Segen und Beistand hängen nicht an der menschlichen Fehlerfreiheit." Fehler zu machen bringe Menschen oft weiter als abzuwarten, so der Referent.

Im Anschluss an das Referat wurde der Wunsch geäußert, das Thema in Gesprächsgruppen noch vertiefen zu können. Hierzu wird es an die Teilnehmenden, die dies wünschen, eine weitere Einladung geben.

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Ein Bericht von selk_news /
Redaktion: SELK-Gesamtkirche /
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