Wohl eine der letzten Holocaust-Überlebenden der SELK | 25.08.2018

"Wohl eine der letzten Holocaust-Überlebenden der SELK"
Gerda Gentsch verstorben

Berlin, 25.8.2018 - selk - Im Alter von 97 Jahren ist am vergangenen Samstag Gerda Gentsch verstorben. Sie war "wohl eine der letzten Holocaust-Überlebenden der SELK", so ihr Gemeindepfarrer Markus Büttner, in dessen Mariengemeinde der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in Berlin-Zehlendorf Gerda Gentsch ihre geistliche Heimat gefunden hatte.

Die gebürtige Hamburgerin zog mit ihrer Familie 1927 nach Berlin um. Im Alter von 11 Jahren veränderte sich ihre Leben entscheidend: Der Januar 1933 habe für sie einen gravierenden Einschnitt bedeutet, der Belastungen nach sich gezogen habe, schreibt sie in einem Lebenslauf. Seinerzeit eröffnete ihr Vater ihr, dass er jüdischen Glaubens sei. Was auf ihre Familie und sie "für unglaubliche und schreckliche Schicksalsschläge" zukommen würden, habe sie zu der damaligen Zeit weder verstehen noch ermessen können. "Aber die ersten Belastungen bekamen meine Mutter und ich bereits am 1. April 1933 - dem sogenannten Boykotttag - zu spüren. Ich wurde auf dem Weg von der Schule nach Hause mit Steinen beworfen und angespuckt, meine Mutter erhielt auf offenen Postkarten die übelsten Beschimpfungen, natürlich anonym."

Ihre Eltern hätten dann eine junge Frau eingestellt, die das Kind morgens zur Schule gebracht und mittags wieder abgeholt habe. "Alle Schulfreundinnen zogen sich von mir zurück, ich war plötzlich völlig allein und isoliert. Aus dem Zehlendorfer Sportverein 1888 mußte ich nach der Eingliederung in die Hitlerjugend austreten. So wurde unentwegt unser bisher so harmonisches Familienleben und meine wohlbehütete Kindheit durch Schikanen und später für meinen Vater durch berufliche Schwierigkeiten zerstört."

Obwohl sich ihr Vater "hauptsächlich als Deutscher" gefühlt habe, der auch den Ersten Weltkrieg als Soldat mitgemacht hatte, erwog die Familie angesichts der zunehmenden Schwierigkeiten und neuen Gesetzen ernsthaft, ins Ausland zu emigrieren. Jedoch seien dazu Bürgen oder ausreichende Devisen für ein Einreisevisum erforderlich gewesen.

"1938 erlebte ich nochmals einen erschreckenden Einschnitt in meinem Leben, als zunächst meine Mutter am 13. Juni verhaftet wurde, da mein Vater nicht zuhause war. Bei seiner Rückkehr verhaftete man ihn, meine Mutter wurde wieder freigelassen", schreibt Gerda Gentsch. "Einige Zeit später wurde uns mitgeteilt, daß mein Vater in das KZ Buchenwald transportiert worden sei, wo er bis zum 23. Dezember 1938 war, unter der Auflage sich täglich beim Polizeirevier bis zu unserer Ausreise am 5. Februar 1939, zu melden." Ihre Mutter hatte inzwischen die Wohnung aufgelöst, die nicht beschlagnahmten Sachen verkauft und Schiffspassagen nach Shanghai gebucht. China war zu der Zeit das einzige Land, für das man weder ein Visum noch einen Bürgen benötigte.

Anfang März 1939 erreichte die Familie China, wo ihr Leben von Krankheiten, finanziellen Schwierigkeiten und schwierigen klimatischen Verhältnissen geprägt war. 1942 verstarb der Vater nach langer, schwerer Krankheit in Shanghai.

"Nach dem Ausbruch des Krieges Amerika/Japan wurde es auch für deutsche Emigranten in Shanghai schwieriger", so Gerda Gentsch. "Die Japaner zwangen alle deutschen und österreichischen Emigranten, die inzwischen für staatenlos erklärt worden waren, in ein Getto, das man nur mit einem besonderen Passierschein verlassen durfte. Es war eine schlimme Zeit - voller Gewalttaten und Schikanen der japanischen und koreanischen Besatzungstruppen."

Als im Frühjahr 1945 in Deutschland durch die totale Kapitulation der Krieg beendet worden ist, war es auch für uns in Shanghai nur noch eine Frage der Zeit, dass auch dort die Kämpfe bald beendet sein würden.

"Im August 1945, nach dem Abwurf der ersten Atombomben über Japan - so schrecklich dies auch gewesen sein mag -, wurde dann auch der Krieg zwischen China/Japan und Amerika beendet. Doch lange sollte das inzwischen wieder normale Leben für uns dort nicht dauern. Das Nahen der kommunistischen Truppen unter Mao um Shanghai bedrohte nicht nur die Chinesen, sondern auch die Europäer. So machten wir von dem Angebot der dortigen Hilfsorganisationen Gebrauch, zumal meine Mutter an einer schweren Tropenkrankheit litt, nach Deutschland zurückzukehren."

1947 kehrten Mutter und Tochter nach Berlin zurück und fanden eine Wohnung im Stadtteil Zehlendorf. "Ich bekam aufgrund meiner guten englischen Sprachkenntnisse einen guten Job bei den Amerikanern, wo ich dann auch bis zu meinem Rentenalter 1981 in den verschiedenen Abteilungen arbeitete", heißt es im Lebenslauf der Verstorbenen.

1959 heiratete Gerda Gentsch ihren Mann, nachdem eine erste Ehe in jungen Jahren auseinandergegangen war. Rudolf Gentsch verstarb 1988.

Ihr Gemeindepfarrer Markus Büttner betreute Gerda Gentsch bis zuletzt seelsorglich und feierte regelmäßig Krankenabendmahlsgottesdienste mit ihr. "In der Gemeinschaft unserer Kirche fühle mich sehr geborgen und habe meinen inneren Frieden gefunden", schreibt sie am Ende ihres Lebenslaufs.

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Ein Bericht von selk_news /
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