Bischof Voigt referierte bei Gemeindeveranstaltung
"Sexueller Missbrauch in der Kirche", zu diesem Thema referierte der leitende Geistliche der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), Bischof Hans-Jörg Voigt D.D. (Hannover), am vergangenen Freitag auf einer Gemeindeveranstaltung der St. Petri-Gemeinde der SELK in Hannover. Der Vortrag bildete den Abschluss der Themenreihe "Dunkle Kapitel in der Geschichte der Christen". Zunächst erörterte der Referent, was unter sexuellem Missbrauch oder sexueller Gewalt an Kindern und Minderjährigen oder Schutzbefohlenen zu verstehen sei.
Dann sprach Voigt anonymisiert über die Fälle, die während seiner Amtszeit durch die SELK-Kirchenleitung bearbeitet worden seien. Es seien acht unterschiedlich schwere Fälle gewesen, bei denen inzwischen verstorbene oder aktive Pfarrer aber auch ehrenamtliche Jugendmitarbeiter beteiligt waren. Dabei sei davon auszugehen, dass diese Zahl für die SELK höher liegen könnte, da möglicherweise bisher nicht alle Opfer den Mut gefunden haben könnten, sich zu melden. Ein Fall musste eindeutig als Falschanschuldigung identifiziert werden. In zwei Fällen habe die SELK subsidiär freiwillige finanzielle Anerkennungsleistungen für Opfer übernommen, die insbesondere für die Wahrnehmung zusätzlicher Therapiekosten eingesetzt wurden.
Zudem sprach der Referent über die "Richtlinien für den Umgang mit sexualethischen Grenzüberschreitungen – RiSeGü", die in der SELK gelte. Darin sei festgelegt, dass jeder Fall durch die Kirchenleitung zur Anzeige gebracht werde, wenn nicht das Opfer eindeutig dem widerspreche. Voigt referierte anhand dieser Richtlinie auch über die Arbeit des "Beraterstabes" der Kirchenleitung, in dem juristisch, pädagogisch oder in sozialer Arbeit ausgebildete Personen mitarbeiten. Zudem wies er auf die Ansprechpartner für Opfer sexualisierter Gewalt hin, die auf der Homepage der SELK genannt werden. Es sind dies die Frau Dr. Gudrun Schätzel, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Tel.: 0511 - 51 53 55 64 (erreichbar eher abends und am Wochenende), E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! und Pfarrer Stefan Paternoster, Supervisor, DGSv; Ehe-, Famlien- und Lebensberater, DAJEB; Zertifizierter Online-Berater, DGOB, Tel.: 05631 - 25 78, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.
Der Referent stellte die präventive Orientierungshilfe „SELK – Sichere Orte für Kinder, Jugendliche und Erwachsene“ vor, die insbesondere als Grundlage für die regelmäßigen Schulungen der Mitarbeitenden diene. Voigt wies zudem darauf hin, dass auch Täter Rechte hätten und die sogenannte "Unschuldsvermutung" bis zum Erweis des Gegenteils gelte. Dies führe für die Entscheidungsträger immer wieder zu großen Spannungen. Im Zweifel hätten der Opferschutz und der Schutz vor Wiederholungstaten den Vorrang.
Schließlich versuchte der SELK-Bischof eine theologische Einordnung. Die lutherische Theologie habe ihre Stärke darin, die Schwere der Sündhaftigkeit des Menschen ernst zu nehmen. Die Heilige Beichte sei als Gnadenmittel der Vergebung in diesen Zusammenhängen zu betonen. Diese Stärke bedinge jedoch auch eine Schwäche, die darin liege, angemessen mit den bleibenden Folgen von Schuld und Sünde umzugehen. Die Mahnungen des Apostels Paulus, sich aller "Unzucht" zu enthalten, bekämen im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch eine völlig neue Bedeutung. Zugleich werde deutlich, was es Jesus Christus gekostet habe "für uns zur Sünde zu werden" (2. Korinther 5,21). Abschließend zitierte Voigt den Kirchenlehrer Anselm von Canterbury mit den Worten: "Hast du schon bedacht, wie schwer die Sünde wiegt?"