50 Jahre SELK: Talkrunde an Frankfurter Buchmesse


Der Zusammenschluss eigenständiger lutherischer Kirchen zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche SELK, der sich im nächsten Jahr zum 50. Mal jährt, war Thema einer Talkrunde an der Frankfurter Buchmesse. Für selk.de fasst Doris Michel-Schmidt das Gespräch zusammen.

Talkrunde

Eingeladen zu der Talkrunde hatte der Verlag Edition Ruprecht, in dem mehrere Bücher von SELK-Autoren erschienen sind. Auf dem Podium saßen Prof. Achim Behrens, Rektor der Lutherischen Theologischen Hochschule (LThH) Oberursel, Werner Klän (Lübeck), emeritierter Professor der LThH, und Dr. Lothar Triebel vom Konfessionskundlichen Institut Bensheim. Moderiert wurde das Gespräch von Andreas Odrich, Redaktionsleiter beim ERF in Wetzlar.

Was das Besondere an der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche sei, wollte der Moderator zu Beginn wissen. Achim Behrens stellte in seiner Antwort die SELK zunächst in zwei Traditionsstränge: sie sei erstens Kirche im großen Strom der einen Christenheit, gebunden an das Evangelium – deshalb evangelisch. Sie sehe sich zweitens im Strom der lutherischen Reformation. Er verwies dabei auf das Motto der Hochschule in Oberursel: „VERBO SOLO – FIDE SOLA“, das jüngst wieder an das neu errichtete Haupt- und Bibliotheksgebäude angebracht wurde. Der Rektor war erstaunt, wieviel Interesse diese angebrachten Worte neu hervorriefen; man könne daran gut erläutern, was ein Grundsatz lutherischer Theologie sei: Allein durch das Wort und allein durch den Glauben werden wir Menschen vor Gott selig, kommen wir mit Gott ins Reine. Selbständig schließlich, so Behrens, sei die SELK, weil sie im 19. Jahrhundert in einem emanzipatorischen Prozess aus der Übernahme der Verantwortung für das lutherische Bekenntnis in die Selbständigkeit gegangen sei.

Wie dieser Prozess vor 200 Jahren in einem „Akt der Befreiung“ angefangen hatte, skizzierte Prof. Werner Klän am Beispiel des Königreichs Preußen, wo sich zunächst vor allem in Schlesien Lutheraner gegen die von König Friedrich Wilhelm III eingeführte Vereinigung der lutherischen und der reformierten Kirche wehrten. In der Folge wurden sie vom Staat an den Rand gedrängt und unterdrückt. Klän verdeutlichte das am Beispiel eines Müllers, der in Erfurt seine Tenne für die nun „illegalen“ lutherischen Gottesdienste zur Verfügung stellte. Er wurde verpfiffen, die Gendarmen kamen und belegten ihn mit einer Strafe von 1 Taler. Der Müller weigerte sich zu zahlen, er berief sich auf seine Gewissens- und Religionsfreiheit – sehr moderne Werte im 19. Jahrhundert. Was ihm nichts nützte: Er wurde immer und immer wieder verdonnert – am Ende hätte er 40 Taler zahlen müssen, was damals dem Jahresgehalt eines Pfarrers entsprach. Am Ende musste er zwar nicht zahlen, weil der König starb und die politischen Entwicklungen eine andere Richtung nahmen. Aber, so Klän: „Der Mann wäre bereit gewesen, diese immense Strafe auf sich zu nehmen. Das ist nur ein Beispiel dafür, welch hohes Maß an Emanzipation gegenüber dem Staat und welch hohes Maß an Verantwortung für den eigenen Glauben und die Kirche diese Menschen damals aufbrachten.“
Auf die Nachfrage, warum es zu diesen Repressionen durch den Staat kam, erläuterte Klän: „In einem staatskirchlichen Konzept dient die Kirche auch der Stabilisierung des Staatswesens und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt.“ Dazu kam, so Klän, eine theologische Tendenz, die Unterschiede zwischen Lutheranern und Reformierten nicht mehr so wichtig zu nehmen. Aufklärung und Pietismus hätten diese Differenzen nivelliert, so dass es auch innerhalb der Kirchen eine starke Tendenz gegeben habe, zu sagen: Lasst uns doch zusammengehen. Aber es gab eben auch die Lutheraner, die dagegenhielten und unabhängig bleiben wollten.

„Ist die SELK so etwas wie das gallische Dorf in der Kirche?“ fragte der Moderator anschließend den Konfessionskundler Lothar Triebel. Der antwortete diplomatisch, die SELK sei jedenfalls etwas Besonderes, in dem sie zwei Elemente verbinde, die es in dieser Kombination in Deutschland sonst nicht gebe. Das lutherische Bekenntnis würden auch Landeskirchen für sich in Anspruch nehmen, während die Selbständigkeit bei vielen Freikirchen typisches Merkmal sei. Das lutherische Bekenntnis und die eigene Selbständigkeit zu verbinden, sei das Besondere der SELK.

Schließlich kam man auf den Zusammenschluss zur SELK 1972 zu sprechen. Ob das denn damals noch zeitgemäß gewesen sei, fragte der Moderator, und warum man sich nicht der EKD beziehungsweise den lutherischen Landeskirchen angeschlossen habe.
In seiner Antwort wies Werner Klän darauf hin, dass schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts den verschiedenen unabhängigen lutherischen Kirchen zunehmend bewusst geworden sei, dass sie enger zusammengehörten, als die territorialen Abgrenzungen glauben machen wollten. Entwicklungen in den Landeskirchen und in der akademischen Theologie hätten diese Erkenntnis verstärkt. Nach dem 2. Weltkrieg habe es dann einen Schub gegeben, den Zusammenschluss nun auch zu konkretisieren, denn die Gründung der Evangelischen Kirche in Deutschland, der EKD, und der Beitritt der lutherischen Landeskirchen (VELKD) zur EKD hätten das Motiv zur Entstehung der selbständigen lutherischen Kirchen im 19. Jahrhundert neu aktiviert. Man wollte nicht zu einer konfessionsübergreifenden – und aus Sicht der Lutheraner damit auch konfessionsnivellierenden – Großkirche gehören.
Bis es schließlich 1972 zum Zusammenschluss kam, habe es allerdings Zeit gebraucht. Unterschiedliche Ausprägungen, die sich in den vorangegangen 150 Jahren in den verschiedenen eigenständigen Kirchen ausgebildet hatten, wollten berücksichtigt werden. 1972 konnte schließlich die Grundordnung als gemeinsame Verfassung in Kraft treten.

Bei der Frage, ob das freikirchliche Modell zukunftsträchtig(er) sein könnte, gab sich der Konfessionskundler Lothar Triebel zurückhaltend. Zentral sei doch, dass die Kirchen miteinander im Gespräch blieben und man auf das schaue, was man gemeinsam gut machen könne.

Das Jubiläum zum 50. Jahrestag des Zusammenschlusses zur SELK wird am 25. und 26. Juni 2022 gefeiert. Zu der Festveranstaltung auf dem Campus der Lutherischen Theologischen Hochschule und dem Gottesdienst am 26. Juni 2022 in der St. Johannes-Kirche in Oberursel sind alle herzlich eingeladen!

 

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