Angedacht!


Elisabeth von Thüringen



Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

die heilige Elisabeth – sagt Ihnen das was? Kulturell Interessierte werden vielleicht an die Oper Tannhäuser denken, andere an die Wartburg in Thüringen oder daran, dass so manches Krankenhaus nach Elisabeth benannt ist.

Auf den ersten Blick sind es ja oft die Frauen im Dienst der christlichen Barmherzigkeit, die gerne von der Kirche erinnert werden. Das gilt auch von der jungen Frau, die mit 24 Jahren schon starb und die bereits bei ihrem Tod als Heilige galt. Elisabeth, eine Königstochter des Hochmittelalters, verwandt mit dem Adel und den Kirchenfürsten in halb Europa, die sich ganz dem Armutsideal des Franz von Assisi verschrieb und auf all ihren Reichtum und ihre Privilegien verzichtete. Das klingt so glatt und auch in unserer Zeit gut vermittelbar, dass man dagegen einfach nichts haben kann.

Aber es ist auch so glatt, dass es der vielschichtigen Persönlichkeit, die Elisabeth von Thüringen war, einfach nicht gerecht wird.

Doch von vorne: Elisabeth wurde am 7.Juli 1207 in Ungarn als Tochter des Königs Andreas II und seiner Frau Gertrud von Andechs geboren. Gertrud hatte sieben Geschwister, die allesamt sehr standesgemäße Ehen eingingen oder kirchliche Karriere machten. Vor allem muss hier natürlich die hl. Hedwig erwähnt werden, die sowohl Herzogin von Schlesien als auch eine Heilige war. Mehr Karriere ging quasi nicht und die war also eine Tante von Elisabeth.

Allerdings hat Elisabeth weder ihre illustre Verwandtschaft, noch ihre Eltern und Geschwister wirklich persönlich kennenlernen können bis auf wenige Ausnahmen, da sie schon als Vierjährige verlobt und der Landgrafenfamilie von Thüringen, ihrer späteren Schwiegerfamilie, zur Erziehung übergeben wurde. Das war nicht unüblich damals. Ihre Kindheit war auch nicht unglücklich. Ursprünglich sollte sie wohl den ältesten Grafensohn Hermann heiraten, doch der starb früh. Aber der nächste Erbe, Ludwig, hatte da bereits schon große Zuneigung zu ihr gefasst und setze es, kaum dass er Landgraf geworden war, durch, dass er Elisabeth heiraten konnte, Dabei fehlte der zweite Teil ihrer Mitgift wegen des Todes ihrer Mutter, der eigentlich bei der Eheschließung hätte gezahlt werden müssen und außerdem war die edle junge Dame schon früh durch intensive Frömmigkeit und einer gewissen Distanz zum standesgemäßen Lebensstil aufgefallen. Ludwig war siebzehn Jahre alt und Elisabeth vierzehn, als sie 1221 in der Georgenkirche in Eisenach getraut wurden. Ein Jahr später gebar Elisabeth den Stammhalter, Hermann, nach weiteren zwei Jahren eine Tochter, Sophie und 1227 noch eine Tochter, Gertrud. Die Ehe zwischen den beiden war überaus glücklich, Ludwig ließ seine Frau, die mittlerweile das Frömmigkeitsideal der Franziskaner für sich entdeckt hatte, gerne gewähren, obwohl sie das zunehmend in Widerspruch zu ihren Pflichten als Landgräfin brachte. Sie beschränkte sich eben nicht darauf, aus sicherer Distanz gelegentlich Almosen zu verteilen, sondern gründete 1226 ein Spital am Fuße der Wartburg, pflegte Kranke, sorgte für Begräbnisse und speiste die Hungernden. Im Hungerwinter 1225/26, als ihr Mann außer Landes war, gab sie den Befehl, die gräflichen Kornspeicher für die Bevölkerung zu öffnen. Elisabeth selbst mochte den höfischen Prunk zunehmend weniger, trug selbstgesponnene Kleider aus rauer Wolle und betrieb kräftezehrende Bußübungen, was ihr Mann allerdings einzuschränken versuchte.

Es hätte so weitergehen können, doch Ludwig brach, ermutigt durch den Kreuzugsprediger Konrad von Marburg zum Kreuzzug auf und starb an einer Infektion in Italien. Mittlerweile war Konrad Elisabeths Beichtvater geworden und ohne den Schutz ihres Ehemannes eskalierte für Elisabeth die Situation. Sie verließ die Wartburg, lebte zuerst in bitterster Armut in Eisenach und ging dann nach Marburg, wo sie, von dem mittlerweile doch ausgezahlten Erbe ein weiteres Spital gründete und dort Kranke pflegte und Arme versorgte, immer noch unter dem Einfluss Konrads. Er wollte „eine Heilige zur Heiligkeit“ führen, allerdings überlebte Elisabeth diese Askese, die sie sich auch selbst auferlegte, nicht lange. Sie starb am 17.November und wurde zwei Tage später begraben.

Um ihren Leichnam gab es sofort große Unruhe, denn viele wollten sich sofort Reliquien sichern und der Kult um diese Reliquien war dann auch nach ihrer schnellen Heiligsprechung immens. Kein Wunder also, dass ihr protestantisch gewordener Nachkomme Philipp von Hessen in der Reformationszeit ihre Gebeine aus dem goldenen Schrein in der Elisabethkirche nahm und sie an einem geheimen Ort beisetzen ließ, was allerdings nicht ganz geklappt zu haben schien, denn es tauchten doch immer wieder Reliquien auf.

Elisabeth – eine mutige junge Frau voll Widerspruchsgeist, konsequent bis zum Äußerten. Eine starke Frau, die ihren Weg gegangen ist, wie sie es für richtig hielt. Bei aller Hingabe und Fürsorglichkeit beileibe kein naives liebes Mädchen. Ja, die Kirche erinnert an weibliche Diakonie gern. Sie sollte dabei nicht vergessen, dass dieser Weg einen Preis hat und das es Stärke braucht, um ihn zu gehen.

Dr. Andrea Grünhagen

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