Angedacht!


„Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!“
Lukas 1,28


Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

es ist bekanntlich nie zu früh, an Weihnachten zu denken. Tut man es nicht, kommt Weihnachten immer so plötzlich.

Dabei geht es bei der biblischen Weihnachtsgeschichte doch um die Geburt eines Kindes. Und eine Geburt geschieht normalerweise nicht plötzlich, sondern mit einem Vorlauf von neun Monaten. Neun Monate! Genau neun Monate vor Weihnachten (25.Dezember) begeht die Kirche am 25. März das Fest „Mariä Verkündigung“ oder „Ankündigung des Herrn“.

Und dabei geht es um ein biblisches Ereignis, das absolut plötzlich, wenn auch nicht unangekündigt, eintrat. Maria, eine junge Frau aus dem Volk Israel, lebt in der kleinen Stadt Nazareth in Galiläa. Sie ist verlobt mit einem Mann namens Joseph. Bereits mit dreizehn oder vierzehn Jahren galt man damals dort als heiratsfähig. Wir wissen nicht, wie alt Maria genau war, aber sie kann noch sehr jung gewesen sein. Die Verlobung im alten Israel bedeutete so etwas Ähnliches wie die standesamtliche Trauung bei uns heute. Rechtlich galten Maria und Joseph schon als verheiratet, es fehlte aber noch die eigentliche Hochzeit. Deshalb lebten die Brautleute auch noch nicht zusammen.

Und dann geschieht das Unerwartete. Maria bekommt Besuch von einem Engel. Offensichtlich befand sie sich im Haus oder in einem Zimmer, denn der Engel kommt zu ihr hinein. Was Maria gerade gemacht hat, als der Engel Gabriel, von Gott gesandt, zu ihr kommt, wissen wir nicht. Die christliche Kunst hat es oft so dargestellt, als habe sie in der Heiligen Schrift gelesen oder gebetet. Das soll ausdrücken: Maria war fromm, sie lebte in den Verheißungen Israels. Martin Luther dagegen meinte, sie wäre mit irgendwelcher Hausarbeit beschäftigt gewesen. Er wollte betonen, dass Maria keine besonderen Voraussetzungen mitbrachte, sondern dass es allein auf Gottes Tun und seine Erwählung ankam.

Jedenfalls erschrickt sie über die Begrüßung Gabriels. Da das Neue Testament auf Griechisch verfasst ist, sagt Gabriel zu ihr: Chaire! Das bedeutet: Freue dich. War aber ein ganz alltäglicher Gruß, wie bei uns „Guten Tag“. Auf Latein sagt man „Ave!“, und so kam das in der katholischen Kirche übliche Gebet „Ave Maria“ zu seinem Anfang. Es nimmt nämlich die Worte des Engels auf.

Gott ist mit Maria - und zwar in unüberbietbarer Weise. Er hat sie auserwählt, die Mutter seines Sohnes zu sein: Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott, Gottes Sohn und der Sohn der Maria. Aber zunächst hört Maria erst mal: „Du sollst einen Sohn gebären…“ und denkt sich auch, dass eine Geburt kein plötzliches Ereignis ist, sondern neben einer Vorlaufzeit auch eine Vorgeschichte hat und das bringt sie dazu, zurückzufragen: „Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?“ Ihr Nachfragen ist nicht ablehnend, es ist mehr eine Verständnisfrage, wie wir heute sagen würden. Denn nachdem sie verstanden hat, dass ihre Schwangerschaft ein Werk des Heiligen Geistes sein wird, es also um Joseph und die natürlichen Vorgänge einer Empfängnis nicht geht, zögert sie nicht, Gottes Plan zu akzeptieren: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“

So wird Maria zum Vorbild des Glaubens. Sie ist bereit, Gottes Willen zu erfüllen, sie nimmt sein Wort auf, sie vertraut ihm. Was wir an Weihnachten feiern wie es im Lied heißt: „Gottheit und Menschheit vereinen sich beide, Schöpfer wie kommst du uns Menschen so nah.“ nimmt seinen Anfang neun Monate vorher. Mitgedacht ist, dass das Wort des Engels als Gottes Botschaft das in Gang setzt, was es sagt. Denn das ist es, was Gottes Wort immer tut: es wirkt, was es sagt.

Geht es um Maria? Jedenfalls geht es in dieser Geschichte nicht ohne sie. Aber im tiefsten Sinn ist alles, was über Maria gesagt wird, eine Aussage über Christus. Und darum ist es nicht recht, ihr Dinge zuzuschreiben, die nicht ihr gebühren, sondern ihrem Sohn. Es ist aber auch nicht recht, die Mutter des Herren gering zu achten, weil dadurch verdunkelt wird, wer Christus ist.

In diesem Sinne: Man sollte den 25. März nicht vergessen, die Menschwerdung des Sohnes Gottes hat eine Geschichte…

Dr. Andrea Grünhagen



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