Angedacht!


„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe.“

Psalm 24,1



Andrea Grünhagen„Weißt du was? Ich muss nur noch sechs Mal schlafen.“ Aufgeregt hüpfte der kleine Sohn meiner Bekannten vor mir auf und ab. „Und dann?“, fragte ich? „Dann ist der 1. Advent!“

Ich kann den Jungen so gut verstehen. Ich zähle auch oft die Tage bis zum Advent und nicht bis Weihnachten. Schade, dass Vor-Adventskalender noch nicht erfunden wurden. Das ist zwar liturgisch und theologisch alles höchst zweifelhaft, aber das Gefühl der Erwartung ist trotzdem richtig. Das Kind wusste eben, dass sich in besagten sechs Tagen das große Tor zu den Herrlichkeiten der Adventszeit für ihn auftun würde, aber eben dann und nicht schon vorher. Ein Hoch auf Eltern, die ihren Kindern ein „Noch-nicht“ zumuten.

Dabei kann ich mich gut daran erinnern, wie ich selbst als Kind gebettelt habe, doch bitte schon vor dem 1. Advent Weihnachtslieder hören zu dürfen. Waren es nur noch „sechs Mal schlafen“, stiegen die Chancen jedenfalls, dass ich das durfte. Das gesellschaftliche Gezerre um die Frage, wann Weihnachtsmärkte öffnen dürfen und die Adventsbeleuchtung in den Städten einzuschalten ist, erinnert mich manchmal daran.

Dabei sollte es doch eigentlich um etwas ganz anderes gehen. „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch… „heißt es in Psalm 24 und danach wurde auch das Lied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit …“ gedichtet. Dieses Türaufmachen ist ein Vorgang, dessen Beginn man nicht unbedingt auf den Vorabend des 1.Advent um 18.00 Uhr datieren muss. Wichtiger ist, dass er stattfindet. Er ist unabhängig von Äußerlichkeiten. Wie oft werden Häuser und Straßen aufwendig geschmückt wie für einen besonderen Gast, ohne dass jemand den Gast wirklich erwartet. An der äußerlichen Vorbereitung liegt es nicht. Jesus kann auch zu uns kommen, wenn wir es nicht geschafft haben, Kekse dafür zu backen.

Andererseits kann jeder sichtbare Hinweis ein Zeichen der Vorbereitung sein, mit dem richtigen Vorzeichen, sozusagen. Als der Psalm 24 geschrieben wurde, hatten die Menschen die großen Tore des Tempels in Jerusalem vor Augen. Wer mag, kann diesem Bild mal nachsinnen.

Und dann ist da diese persönliche Frage: wo kann oder muss oder will ich Türen für den aufmachen, der an Weihnachten kommt? Sind das die verriegelten Angsttüren? Oder die Tore zu den Chaosecken des Lebens? Oder die Durchgangstüren zu den verkorksten Beziehungen? Vielleicht aber auch die auf Hochglanz polierten Vorfreudeportale?

Darum ein Vorschlag für diese Adventszeit von mir für Sie: fünf Minuten jeden Tag mit der Liedstrophe „Komm o mein Heiland, Jesus Christ, meins Herzens Tor dir offen ist. Ach, zieh mit deiner Gnaden ein, dein Freundlichkeit auch uns erschein, dein heilger Geist und führ und leit, den Weg zur ewgen Seligkeit. Dem Namen dein o Herr, sei ewig Preis und Ehr.“ und ein paar Gedanken dazu über die Türen Ihres Lebens. Setzen Sie das an die erste Stelle ihrer To-do-liste der Weihnachtsvorbereitungen.

Es ist nicht so, dass Gott erst kommt, wenn wir in Vorleistung getreten sind. Manche Herzenstüren lassen sich sowieso nur von außen öffnen. Das trauen wir ihm zu und sehen, was in dieser Adventszeit passiert. Gottes Segen dafür wünsche ich Ihnen.

Dr. Andrea Grünhagen

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