Angedacht!


„Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben von dem Heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet.“
(2. Petrus 1,21)


Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

fragt sich ja bloß, wie man sich das vorzustellen hat. Es ist nämlich gar nicht so einfach, beides zusammen zu halten. Die Verfasser biblischer Schriften schreiben nicht aus eigenen Willen, sondern im Namen Gottes, wozu der Heilige Geist sie treibt. Das ist das eine und das ist notwendig zu sagen, damit sich die Heilige Schrift nicht in ein zusammenhangloses Sammelsurium von einzelnen Gottesvorstellungen und Privatmeinungen auflöst. Und gleichzeitig gilt auch: es haben Menschen geredet. Nicht als bewusstlose Werkzeuge, sondern in ihrer konkreten Zeit, für eine bestimmte Leser-oder Hörerschaft, mit ihren jeweiligen Eigenheiten und Voraussetzungen. Das ist auch zu sagen, damit die Heilige Schrift nicht zum unzugänglichen Block göttlicher Offenbarung wird, den im Einzelnen zu verstehen man sich gar nicht erst bemühen muss.

Die theologische Herausforderung, beides beieinander zu halten hat sich der christlichen Kirche sehr früh gestellt. Bereits im 2.Jahrhundert nach Christus haben sich die Kirchenväter gefragt, wie das eigentlich mit den vier Evangelien ist, die, was ja auch heute noch jedem Leser auch ohne Vorbildung auffällt, augenscheinlich von verschiedenen Verfassern stammen, aus unterschiedlicher Perspektive, für unterschiedliche Leser trotzdem das eine „Evangelium“ von Jesus Christus bezeugen. Es ist also keineswegs eine „moderne Frage“ und es ist auch kein Zeichen von Unglauben, solche Überlegungen anzustellen.

Die ersten Antworten darauf wurden schon um das 200 n.Chr. gegeben, als die Abfassung der vier Evangelien erst gut hundert Jahre zurücklag. Den vier Evangelisten wurden vier Symbole zugeordnet: Matthäus bekam den Menschen, Markus den Löwen, Lukas den Stier und Johannes den Adler. Diese Symbole hatte man sich nicht ausgedacht, sondern im Alten Testament gefunden, beim Propheten Hesekiel. Der schaut in einer Vision geflügelte Wesen, die vier Gesichter haben: „Ihre Angesichter waren vorn gleich einem Menschen und zur rechten Seite gleich einem Löwen bei allen vieren und zur linken Seite gleich einem Stier bei allen vieren und hinten gleich einem Adler bei allen vieren.“ (Hesekiel 1,10) Und in der Offenbarung des Johannes findet sich eine ganz ähnliche Vision: „Und die erste Gestalt war gleich einem Löwen, und zweite Gestalt war gleich einem stier, und die dritte Gestalt hatte ein Antlitz wie ein Mensch, und die vierte Gestalt war gleich einem fliegenden Adler.“ (Offenbarung 4,7). Mit Hilfe dieser Symbole, die sich auch heute noch in vielen Kirchen finden, erklärte schon der Kirchenvater Irenäus es ungefähr so: Die vier Gesichter oder Wesen zeigen Jesus Christus als König (Löwe), Priester (Stier/Opfertier), Menschensohn (Mensch) und Spender des Heiligen Geistes (Adler) und so tun es auch die vier Evangelien. Das eine Evangelium von Christus hat sozusagen vier Gesichter.

So kann man es sich vorstellen. Aber was ist denn mit den Menschen hinter den Namen und Symbolen? Sowohl das Matthäus- als auch das Johannesevangelium enthalten gar keine Verfasserangabe. Die kirchliche Tradition identifiziert, vielleicht gerade deshalb, Matthäus mit dem in Matthäus 10,2ff genannten Zöllner, den Jesus in den Kreis der Apostel berief und Johannes mit dem Lieblingsjünger Jesu (Johannes 21,20-24). Markus und Lukas galten als Apostelschüler, in Markus erkannte man den in Apostelgeschichte 11,12 genannten Johannes Markus, der bei Petrus in Rom gewesen sein soll, in Lukas den in Kolosser 4,14 und 1.Timotheus 4,11 genannten Begleiter des Paulus. Es ist verständlich, dass wir gerne mehr wüssten. Aber die Evangelisten wollten ja nicht sich in den Mittelpunkt stellen berichten, sondern Christus bezeugen.

Und ist es nicht auch ein tröstlicher Gedanke, dass Gott jeden dieser vier in seiner besonderen Art dazu gebraucht hat, das Evangelium aufzuschreiben? Das tut er wohl mit seinen Zeugen heute auch noch so, damit das Evangelium in ganz unterschiedlicher Weise laut wird. Eigentlich ein echter Grund, der Evangelisten dankbar zu gedenken!

Dr. Andrea Grünhagen



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