Angedacht!


„Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher.“
Apostelgeschichte 3,6


Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

als Kind war das eine meiner liebsten Bibelgeschichten: Petrus heilt einen Gelähmten. Die Geschichte spielt an einem der Eingangstore zum Jerusalemer Tempel. Die Wissenschaft ist sich nicht ganz sicher, um welches Tor es sich handelt und auch nicht, ob es einer der Eingänge zum Tempelbezirk oder ein Durchgang zwischen dem Vorhof der Männer und dem Vorhof der Frauen war. In meiner Vorstellung jedenfalls geht Petrus mit Johannes zum Tempel hinauf und am Eingang sitzt ein Bettler. Der möchte gern ein Almosen von den beiden Aposteln empfangen. Daraufhin sagt Petrus, er hätte gar kein Geld, aber er hätte etwas Besseres. Und dann macht er den Gelähmten gesund, der springt umher und alle freuen sich. Soweit meine kindliche Vorstellung. Wahrscheinlich fand ich den Gedanken toll, dass eben nicht nur Jesus, sondern auch die Jünger Wunder tun konnten.

Und heute? Mein erster Gedanke ist, dass sich an der kirchlichen Finanzlage seit der Urkirche offensichtlich nicht viel geändert hat. Wir haben auch kein Geld. Der zweite Gedanke ist: Bettler am Kircheneingang gibt es heute noch. Meistens möchten sie Geld wie der Mann damals. In den allermeisten Fällen bekommen sie auch etwas. Wenn sie darüber hinaus den Schritt in die Kirche wagen, bekommen sie manchmal noch viel mehr, nämlich menschliche Freundlichkeit und etwas für ihre Seele. Ja, ist so, diese Bettler, die so am Rand unseres Alltags rumliegen oder stehen, die haben auch eine Seele. Ich muss dran denken, wenn ich nachher wieder einen von ihnen sehe. Heute Morgen bin ich fast über ihn gestolpert. Petrus und Johannes wollten, dass der Gelähmte ihren Blick erwidert. Ich will immer nur wegschauen. Ohne hinzusehen ein bisschen Geld in einen leeren Kaffeebecher werfen, okay, das mache ich gelegentlich. Aber für ein Wunder braucht es offenbar den richtigen Kontakt.

Allerdings ereignet sich das Wunder nicht deshalb, weil Petrus und Johannes so nett und gutwillig sind. Wie gesagt, ich fand es so toll, dass Petrus auch Wunder tun kann. Aber kann er das eigentlich wirklich? Eigentlich bringt er bloß eine Macht ins Spiel, die viel größer ist als sein Vermögen. „Im Namen Jesu Christi …!“ Der Name Gottes ist nicht umsonst schon im Alten Testament heilig. In Wirklichkeit heilt Jesus den Gelähmten, nicht Petrus oder Johannes. Und andererseits ist es doch Petrus, der die Hand des Bettlers ergreift und ihm in die Augenschaut, bevor er im Namen Jesu heilt.

Und gibt’s das heute auch noch? Das wäre ja mal eine interessante Frage. Ich weiß sogar, wo es das gibt. Es ist das, was in jedem Gottesdienst passiert, und die Geschichte von Petrus und dem Gelähmten hilft mir, zu verstehen, was da passiert, wenn etwas „Im Namen Jesu“ oder „Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ getan wird. Der Pfarrer sagt das bei der Taufe, bei der Sündenvergebung, bei der Konfirmation, beim Segen, am allerkrassesten, wenn er sich mit gegengöttlichen Mächten anlegt: „Im Namen Jesu Christi gebiete ich dir …!“ Er nimmt damit die ganze Machtfülle, die im Namen Gottes liegt, in Anspruch und bewirkt damit etwas. Dass jemand durch die Taufe zu einem Kind Gottes wird zum Beispiel. Oder dass durch diese Worte jemandem seine Sünden vor Gott vergeben sind, so sehr vergeben, dass Gott nie mehr an sie denken wird.

Okay – nur schade, dass man das nicht so sehen kann wie bei dem Gelähmten in der Geschichte. Erst kann er nicht laufen, dann springt er sogar im Tempel herum. Jesus war mal mit genau dieser meiner Frage konfrontiert. Er hat auch einen Gelähmten geheilt und ihm gleichzeitig seine Sünden vergeben. Dann heißt es: „Als aber Jesus ihre Gedanken erkannte, antwortete er und sprach zu ihnen: Was denkt ihr in euren Herzen? Was ist leichter, zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf und geh umher?“ (Lukas 5,22+23)

Ich denke: Ja Jesus, das ist ja alles ganz schön mit taufen und Vergebung zusprechen und Abendmahl feiern – aber so ein richtiges Wunder fände ich schon noch etwas spannender. Können deine Diener vielleicht heute auch mal eins vollbringen? „Tun sie doch“, sagt Jesus, „was glaubst du denn, was schwerer ist: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ oder „Steh auf und geh umher!“…?

Und damit wäre dann ja auch klar, wie das mit den Aposteln damals oder den Pfarrern heute ist. Nicht sie selbst handeln, sondern sie handeln im Namen Jesu. Also handelt eigentlich Jesus. Bloß durch sie.

Ich finde es immer noch toll, was Petrus da tut. Und was im Gottesdienst getan wird –im Namen Jesu.

Dr. Andrea Grünhagen

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