Angedacht!


„Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“
Johannes 3,14-16



LGruenhagen 160pxiebe Leserinnen und Leser,

„Du glaubst ja nicht, wie viele Kreuze auf Kirchtürmen man hier in Frankfurt sieht,“ sagte meine Bekannte. Sie arbeitete als Krankenschwester für einen ambulanten Pflegedienst und kümmerte sich die meiste Zeit um HIV-positive Menschen. „Nach besonders bedrückenden Erlebnissen mit den Patienten und manchmal einfach auf den langen Wegen durch die Stadt halte ich bewusst Ausschau nach den Kreuzen. Sie trösten mich.“, fügte sie noch hinzu.

Der Anblick des Kreuzes ein Trost? Für die Glaubenden früherer Zeiten war das ganz sicher so. Es gab zum Beispiel den Brauch, Sterbenden ein kleines Holzkreuz in die Hand zu geben oder ihnen ein Kruzifix vor Augen zu halten. Martin Luther wusste in seinem „Sermon von der Bereitung zum Sterben“ viel davon zu reden, wie sich Leidende das Bild des Gekreuzigten „ein-bilden“ sollten und Paul Gerhardt hat ihn verstanden, wenn er dichtet: „Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot.“ (ELKG 63, 10) Das berühmte Kreuzigungsbild des Isenheimer Altars, der in Colmar im Elsass zu sehen ist, ist angefertigt worden, damit von Schmerzen geplagte Menschen in einem Hospiz aus dem Anblick des leidenden Christus Kraft schöpfen konnten. So ähnlich war das dann wohl auch für meine Bekannte in Frankfurt.

Der bewusste Blick auf das Bild des Gekreuzigten hat also eine lange Geschichte und diese reicht bis ins Alte Testament. „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat…“ lesen wir beim Evangelisten Johannes. Das ist sozusagen die Geschichte hinter der Geschichte. Sie steht im 4. Buch Mose, 21,4-9 und ist schnell erzählt. Das Volk Israel befindet sich auf dem Weg durch die Wüste ins verheißene Land. Doch immer wieder haben sie mit Zweifeln und Mutlosigkeiten zu kämpfen. Sie werden missmutig und schimpfen auf Gott und auf Mose. Sie wollen endlich wieder richtiges Brot; das Manna, mit dem Gott sie versorgt, haben sie satt. Den Israeliten reicht es und dann reicht es Gott auch, von wegen der Undankbarkeit seines Volkes. Es kommt eine Schlangenplage und viele sterben an den Bissen der Giftschlangen. Solange, bis sie einsahen, dass sie mit ihrem Gemurre gegen Gott gesündigt hatten und Mose um Fürbitte für das Volk baten. Mose betet für sie und bekommt eine Antwort von Gott. Er soll eine Schlange aus Eisen anfertigen und an eine hohe Stange hängen. Jeder, der gebissen wird und die eiserne Schlange ansieht, bleibt am Leben.

Diese Geschichte half den Jüngern, zu verstehen, was bei der Kreuzigung Jesu geschah und uns hilft sie auch. Wie Mose die Schlange aus Eisen an einer langen Stange hoch aufgerichtet hat, damit alle sie sehen konnten, die es nötig hatten, so wurde Christus am Kreuz hoch erhöht, damit alle ihren Blick voll Glauben auf ihn richten können und durch diesen Glauben ewiges Leben bekommen. Am Kreuz ist nichts zu sehen als Strafe, Tod und Leiden. Wie bei der Schlange in der Wüste. Gegen den tödlichen Biss der Schlange hilft gerade der Blick auf das Bild des Todbringenden. Gegen die Verdammnis, den ewigen Tod und abgründiges Leid hilft gerade der Anblick des Gekreuzigten. Das Schlangengift des Teufels tötet den Sohn Gottes. Das war der Preis des Gegengifts, ohne dass die ganze Welt, wir alle, verloren gewesen wären.

Was für ein tröstliches Zeichen!

Dr. Andrea Grünhagen

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