Angedacht!


„So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“
Evangelium nach Matthäus 20,16


Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

eine halb lustige, halb ernste Erinnerung aus meiner Grundschulzeit fällt mir wieder ein: Eine Klassenlehrerin bemühte sich besonders um ein Mädchen und zog es in gewisser Weise den anderen Kindern vor. Das störte weniger die anderen Kinder als deren Eltern. „Die Lehrerin hat ein Lieblingskind! Das darf sie nicht.“ Dahinter stand unausgesprochen der Vorwurf: „Warum ist mein Kind nicht das Lieblingskind? Wo es doch so viel niedlicher und gescheiter ist als die anderen?“

Sehr viel später haben wir Kinder erfahren, in welch schwieriger familiärer Situation sich das vermeintliche „Lieblingskind“ damals befand, warum es also besondere Aufmerksamkeit und Nachsicht brauchte. Die vermeintliche Ungerechtigkeit war gar keine.

Jesus musste seinen Zuhörern auch einmal eine Geschichte von vermeintlicher Ungerechtigkeit erzählen. Seine Hinwendung zu den Ausgestoßenen, den Kranken und Sündern provozierte regelmäßig diejenigen, die sich für die rechtmäßigen „Lieblingskinder“ Gottes hielten. Jesus reagierte mit einer Geschichte, in der ein Arbeitgeber allen Tagelöhnern den gleichen Lohn zahlt, obwohl manche nur eine Stunde, manche aber zwölf Stunden und manche irgendetwas an Stunden dazwischen gearbeitet hatten. Und dann stellt er klar: Wenn der Arbeitgeber allen das Gleiche auszahlt, dann ist das seine Sache. Den Schaden von der Ungerechtigkeit hat er selbst.

Viele kennen diese Geschichte und der letzte Satz darin von den Ersten und den Letzten ist sogar sprichwörtlich geworden. Aber leider steckt der Ehrgeiz und das Vergleichen sehr tief in uns. Wer neu in einer Firma anfängt, achtet darauf, wie die Hierarchien aufgebaut sind. Wer ist maßgeblich? Wessen Meinung zählt? Mit wen lässt man sich besser nicht ein? Man muss schnell herausfinden, wer die Ersten sind, sonst gehört man ganz schnell mit zu den Letzten. Jesus hat diese Spielchen nicht mitgespielt. Selbst wenn es objektive religiöse Gründe gab, jemanden für „das Letzte“ zu halten, hat er diese letzten als erste ins Reich Gottes eingeladen. Und er hat mit seinem Tod den Schaden dieser gnädigen Ungerechtigkeit selbst getragen.

Auch in der christlichen Kirche gibt es immer wieder das Murren über vermeintliche Ungerechtigkeit. Da ist zum Beispiel jemand, der viel Zeit, Kraft und Geld in seine Gemeinde investiert. Wenn er dafür nie ein anerkennendes Wort hört, ist das traurig. Wenn dieser Mensch nun sogar im Krankenhaus liegt und der Pfarrer besucht ihn nicht, wird er sich zu Recht ärgern. Zu Unrecht ärgert er sich aber, wenn sein Pfarrer ihn zwar besucht, danach aber auch noch zu einem anderen Gemeindeglied geht, das schon seit Jahrzehnten weder persönlich erschienen ist, noch sich finanziell beteiligt hat. Und noch mehr zu Unrecht wäre es, wenn er gar nicht krank oder in anderer Not wäre, sich aber ärgerte, weil der Pfarrer so viele Mühselige und Beladene zu besuchen hat, dass er gar nicht zu ihm kommen kann. Obwohl er es doch am meisten verdient hätte.

Jeder bekommt gerne Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Das ist nicht falsch, und mittlerweile hat es sich auch in kirchlichen Kreisen herumgesprochen, dass eine angemessene Dankeskultur wichtig ist. Aber die grundsätzlichen Maßstäbe im Reich Gottes sind andere. Gottes Lieblingskinder sind die, die ihn am meisten brauchen. Die meiste Aufmerksamkeit in der Kirche sollen die bekommen, die sie am meisten nötig haben. Das hat übrigens schon Luther so gesagt in den 95 Thesen: „Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes. Dieser Satz ist wahrhaftig allgemein verhaßt, weil er aus Ersten Letzte macht. Der Schatz des Ablasses ist wahrhaftig außerordentlich beliebt, weil er aus Letzten Erste macht.“ (These 62,63,64)

Andrea Grünhagen



Copyright © 2017 | SELBSTÄNDIGE EVANGELISCH-LUTHERISCHE KIRCHE (SELK)