Angedacht!

„Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid.“
Philipper 2,1f


Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

kennen Sie vielleicht eine Gemeinde, von der all das gilt, was Paulus hier an die Christen in Philippi schreibt? Wenn ja, verraten Sie mir bitte die Adresse, denn ich kenne keine. Also jedenfalls keine Gemeinde, Gemeinschaft oder Kirche, bei der es immer so wäre, wie der Apostel es beschreibt oder auch einfordert. Das wäre ja sonst auch schon wie im Himmel und da sind wir noch nicht. Aber wenn es auch noch nicht Realität ist, so ist es doch ein Ideal, das man nicht einfach abtun kann mit dem Hinweis, es sei ja wegen der allgemeinen Sündhaftigkeit des Menschen sowieso unmöglich. Eigentlich reizen diese Aussagen doch gerade dazu, genauer hinzuschauen, wo sich vielleicht doch etwas schon hier und jetzt verwirklicht vom benannten Idealzustand und auch, wo und wie unser Verhalten das Gegenteil bewirkt.

Von Gemeinschaft ist ja viel die Rede. Es gibt gemeinschaftsfördernde Veranstaltungen in der Gemeinde, manche schwärmen von der guten Gemeinschaft mit ihren Mitchristen, andere vermissen sie. Aber je länger darüber geredet wird, desto mehr droht in Vergessenheit zu geraten, dass es nicht nur um ein gutes Gemeinschaftsgefühl geht, sondern um einen der guten Gemeinschaft entsprechenden Umgang miteinander. Deshalb beschreibt Paulus ja auch, wie Christen miteinander umgehen sollen. Von Ermahnung in Christus und Trost der Liebe ist die Rede. Da wird also Schwieriges und Trauriges angesprochen und nicht peinlich berührt verdrängt. Niemand wird gerne mit erhobenen Zeigefinger ermahnt und schulmeisterlich behandelt, aber das ist hier auch nicht unbedingt gemeint. Es kann auch sehr hilfreich sein, wenn es Geschwister im Glauben gibt, die mir die Wahrheit über mich sagen dürfen. Oder andere, deren Trost ich zulassen kann, bei denen ich schwach sein darf.

Paulus spielt in diesen Sätzen ja geradezu mit den Worten Herz und Liebe. Gemeinschaft gibt es nicht ohne Gefühle, aber Gefühle sind auch nicht alles. Gerade weil es sich bei Mitchristen um Menschen handelt, die ich mir nicht ausgesucht habe, sondern die mir von Gott gegeben wurden, ist ein warmherzig-barmherziges Miteinander nicht selbstverständlich. Aber es wird uns doch immer wieder geschenkt, so wie Paulus es ja auch bei der Gemeinde in Philippi erkennen konnte.

Ebenso, wie man erfolgreich sehr viel Zeit und Kraft bei der Suche nach der perfekten Gemeinschaft verschwenden kann, ist auch der Wunsch nach totaler Einmütigkeit in allen Fragen des Glaubens eher ein Wunschtraum. Beides gibt es nicht in vollendeter Perfektion.

Aber man darf sich trotzdem durchaus in Frage gestellt fühlen bei dem, was nach Paulus quasi die Bedingung von Gemeinschaft ist: Nämlich Einmütigkeit, Übereinstimmung, Einigkeit. Das wissen wir eigentlich theoretisch sehr gut, nur praktisch leben wir in Kirche und Gemeinde so, als ging es zur Not auch ohne innere Übereinstimmung, ohne den Gleichklang von Herz und Seele, ohne die gleichen Überzeugungen. Ist es da ein Wunder, wenn das oft sehr effektive Miteinander innerlich nur noch ein resigniertes Nebeneinander oder ein mühsam kaschiertes Gegeneinander ist?

Auch Paulus wusste schon, woher unsere Uneinigkeit kommt. Der Eigennutz, auch der fromme Eigennutz, sitzt sehr tief in uns. Jeder ist sich selbst der Nächste und so wird ganz leicht die Gemeinde zum persönlichen Wohlfühlprojekt. Dann geht es nur noch um konkurrierende Meinungen und Vorstellungen und der Bruder in Christus wird zum Feind, den es zu besiegen gilt. Ganz eng zusammen mit dem Eigennutz hängt die Ehrsucht. Manche Menschen sind süchtig nach Ehre. Sie hassen es, wenn sie eine Niederlage zugeben müssen, sie wollen grundsätzlich im Recht sein und pausenlos gelobt werden für ihre Erfolge. Die berechtigte Freude über Anerkennung und Dankbarkeit, die einer Gemeinschaft guttut, ist zum übersteigerten Geltungsbedürfnis geworden, das schadet.

Wir sind es ja auch so gewöhnt aus den Zusammenhängen dieser Welt, uns darzustellen, das Beste für uns rauszuholen und aufzupassen, dass wir nicht zu kurz kommen.

Und nun schreibt Paulus in den folgenden Versen, Gemeinschaft würde da möglich, wo einer den anderen höher achtet als sich selbst. Aber wer ist schon so ehrlich und ungeheuchelt demütig und selbstlos? Jesus natürlich, der fällt Paulus dann auch als Beispiel ein. Jesus hat sich, obwohl er Gott war, erniedrigt und ist ein Mensch geworden. Um der Gemeinschaft mit den Menschen willen hat er sich klein gemacht, hat Demut und Hingabe gelebt bis zum Tod am Kreuz. Aber den, der sich freiwillig erniedrigt hat, den hat Gott erhöht und ihn zum Herrn über alles gemacht.

Das ist das Bild, in das Jesus uns verwandelt. Wer den anderen höher achtet als sich selbst wird wehrloser, nimmt sich zurück, kämpft nicht um jeden Preis, achtet die Liebe höher als das eigene Recht, denkt vom anderen her und nimmt ihn auch mit seinen Schwächen liebevoll an.

Geistliche Gemeinschaft ist nicht etwas, das wir herstellen könnten oder müssten, sondern sie wird uns geschenkt. Nicht ohne uns und nicht gegen uns - aber eben nicht aus unserer Kraft oder abhängig von unserem guten Willen.

Ganz konkret wird diese geistliche Gemeinschaft am Tisch des Herrn. Nicht wir stellen sie her, vielleicht durch emotional aufgeladene Gesten oder Rituale, sondern wir stellen fest, dass sie uns gegeben ist. Uneinigkeit soll zwischen denen, die gemeinsam das Sakrament empfangen nicht sein. Es ist ein Unrecht, wenn Christen, die aus menschlichen Gründen miteinander um keinen Preis ein Bier trinken würden, miteinander zum Abendmahl gehen - ohne Reue über ihre Uneinigkeit und ohne den Versuch einer Versöhnung. Ebenso gehört zur Abendmahlsgemeinschaft auch die Einigkeit im Glauben. Und wie schmerzvoll es ist, wenn geistliche Gemeinschaft trotz engster menschlicher Gemeinschaft nicht möglich ist, zeigt zum Beispiel der Wunsch von Ehepaaren, die zu verschiedenen Kirchen gehören, auch gemeinsam das Sakrament zu empfangen.

Die Gemeinschaft am Altar schaltet unsere natürlichen Empfindungen ja nicht aus, sondern heiligt sie gerade.

Unsere Liebe, unsere Hingabe und unser Vertrauen zueinander nimmt Christus in seine Hände und führt sie über unsere Gefühle hinaus in die Realität der Gemeinschaft mit ihm.

Abendmahlsgemeinschaft hat allerdings weder ein besonderes Gemeinschaftsgefühl zur Voraussetzung, noch kann sie aus diesem Grund eingefordert werden. Die Gemeinschaft am Heiligen ist eine Realität, die sich auswirkt. Und so ist auch von uns dann mehr und mehr zu sagen, was Paulus von Liebe und Einigkeit schreibt ...

Dr. Andrea Grünhagen

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