Angedacht!


„… – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –….
1. Johannesbrief 1,2


Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

es ist schon erstaunlich, wieviel Wesentliches in einem Einschub zwischen zwei Sätzen gesagt werden kann. Diese wenigen Worte fassen zusammen, worum es Johannes in seinem Brief geht. Und nicht nur in seinem Brief, sondern in seiner ganzen Existenz seit er Jesus begegnet ist. Die Forschung rätselt bis heute, ob der Verfasser dieses Briefes mit dem Apostel Johannes identisch ist, denn eine ausdrückliche Verfasserangabe fehlt, aber sehr alte Überlieferungen schreiben dem Apostel diesen Brief zu. Und es macht ja auch durchaus Sinn, denn Johannes hat wirklich gesehen mit seinen Augen und betastet mit seinen Händen, wie es im Vers davor heißt. Und das bezeugt und verkündigt er.

Man spürt geradezu, wie er um Worte ringt, um das Geheimnis auszudrücken. Dann wählt er das Wort, dass seit den Tagen der ersten Christen das Geschehen der Menschwerdung Gottes zu fassen versucht: Erscheinung. Er ist erschienen. Auf Griechisch heißt das Epiphanias und davon hat das Fest am 6. Januar, dass wir unter diesem Namen kennen, seinen Namen. Und weil Epiphanias so besonders ist, gehören drei Lesungen aus dem Evangelium zu diesem Tag: die Anbetung der Weisen aus dem Morgenland (deshalb nennen römisch-katholische Christen das fest „Heilige drei Könige“), die Taufe Jesu im Jordan und das Weinwunder in Kana. Wir hören diese Lesungen allerdings auf mehrere Sonntage verteilt mittlerweile.

Aber von Epiphanias, von der Erscheinung Christi, hat auch die Zeit nach Weihnachten ihren Namen. Es wird sozusagen nach und nach entfaltet, was es mit dieser Erscheinung auf sich hat.

Was oder wer ist denn erschienen? Wenn in der Antike ein Kaiser „epiphan wurde“, dann beehrte er einen Ort mit seinem Besuch und erwies ihm damit eine große Gnade. So ähnlich ist Gott hier vorgestellt. Aber Johannes sagt an dieser Stelle nicht Gott oder Jesus, er sagt: das Leben. Das Leben ist erschienen.

Man braucht wohl mehr als eine Epiphaniaszeit, um zu ermessen, was das heißt. Gerade in der Zeit des Jahreswechsels kann man gut beobachten, wie Menschen sich nach „Leben“ sehnen. Wie sie es beim Feiern und in der Gemeinschaft mit anderen Menschen suchen, wie sie sich anstrengen, durch gute Vorsätze und mehr körperliche Fitness mehr Leben oder mehr Lebenszeit zu gewinnen, wie sie sich einfach nur wünschen, sich wieder lebendig zu fühlen. Und die, denen das so alles nicht möglich ist, die fühlen sich schnell vom Leben ausgeschlossen, um Leben betrogen.

Johannes verkündet hier aber genau das Gegenteil von diesen Bemühungen: das Leben ist zu euch gekommen. Der, der das Leben selbst ist, ist bei euch. Bei ihm gibt es wirklich Leben und Lebendigkeit. Das ist eine Wahrheit, die bezeugt und verkündet wird. Ob sie auch erfahren wird? Ob wir sie auch erfahren können? Vielleicht begegnen wir dem Lebendigen, also Gott, ja häufiger, als wir meinen.

Dr. Andrea Grünhagen

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