Kirche im Tourismus


Markus Nietzke, Gemeindepfarrer der Kleinen Kreuzgemeinde Hermannsburg und der St. Johannis-Gemeinde Bleckmar sowie Superintendent im Kirchenbezirk Niedersachsen-West der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), beteiligt sich mit seinen Gemeinden seit vielen Jahren an touristisch motivierten Aktionen für Kirchgebäude. Für selk.de erläutert er sein diesbezügliches Engagement.



Herr Superintendent Markus Nietzke, Sie beteiligen sich mit Ihren Gemeinden seit Langem an regionalen und überregionalen Tourismusprogrammen. Stellen Sie uns diese bitte kurz vor.


Viele Menschen sind in der Lüneburger Heide unterwegs, vielfach zu Fuß oder per Fahrrad, auch solche, die in täglich geöffnete Kirchen einkehren, sich die Kirchenarchitektur und Kirchraumgestaltung anschauen, dort verweilen, beten, meditieren und sich eventuell ins Gästebuch eintragen. Dass geschieht nahezu jeden Tag, jetzt im Sommer besuchen sogar Pilgergruppen und Gäste gezielt unsere Kirchen.

Ich beginne mal mit dem „Jakobusweg durch die Lüneburger Heide“. Das ist ein Pilgerweg, der sowohl durch Hermannsburg als auch ganz in der Nähe von Bleckmar entlangführt. Aufmerksam geworden bin ich darauf aus der Presse, als es darum ging, diesen alten Pilgerweg zum Jakobsweg nach Santiago de Compostela neu zu entdecken und eine mögliche Beschilderung der Strecken vorzunehmen. Der Kontakt mit den lokalen Tourismusbehörden brachte weitere Impulse. Und dann besuchte ich auch eine Veranstaltung zum Thema „Kirche und Tourismus“ und erfuhr, dass sich Kirchen ebenfalls mit einreihen könnten, was die Beschilderung anging. Gesagt, getan.

Neben dem Jakobsweg (als echtem Pilgerweg) und dem Heidschnuckenweg (eher ein Wanderweg) gibt es auch einen weiteren Pilgerweg, „Via Romea“ von Stade nach Rom, der durch Bergen führt. Bleckmar gehört als Ortsteil zu Bergen. Wir liegen mit unseren Kirchen sozusagen „direkt auf der Strecke“ alter Pilgerwege.

Was war der Anlass und hat den Ausschlag gegeben, sich für solche öffentlichen Programme zu engagieren?

Am Anfang stand die Faszination des europäischen Pilgerns; ich habe meine Kindheit und Jugend in Südafrika öfter mit Wandern verbracht, dort war Pilgern ein absolutes Fremdwort. Dazu kam dann die Entdeckung bei der Recherche vor Ort: Meine beiden Kirchen im Pfarrbezirk liegen an alten Pilgerwegen. Außerdem fand ich einen Aufsteller („eye-catcher“) im Pastorat der Kleinen Kreuzgemeinde vor, mit dem eingeladen wird in die Kirche als „Haus der Stille“, den ich seit vielen Jahren täglich vor dem Kirchturm aufstelle.

Den Ausschlag hat dann letztlich die Teilnahme am 1. Wandersymposium in der Lüneburger Heide am 6. Juli 2012 in Hermannsburg gegeben, als dort auch über das Pilgern als touristische Chance berichtet wurde. Latent habe ich mich seit 1996 mit dem Thema befasst. Die gezielte Suche nach Fortbildungen führte mich nach Hannover – in der Hannoverschen Landeskirche gibt es ein Fachreferat für Kirche und Tourismus – und vor allem drei Fortbildungen der Nordkirche in Wismar, Rostock und Kiel. Dort wurden mir von Fachleuten (auch echten Pilgern) wichtige Impulse gegeben, insbesondere zum Thema „Offene Kirche“ und „Gastgeberfreundliche Gemeinde“.

Inwiefern ist die touristische Präsenz auch eine Faktor in der Öffentlichkeitsarbeit?

Handwerk ohne Klappern gibt es nicht. Hier ist von den öffentlichkeitswirksamen Verleihungen der Beschilderungen „Offene Kirche“, „Kirche am Jakobusweg“ und „Radfahrerkirche“ zu reden. Berichte in der Presse und den sozialen Medien bringen Kirche und ihr besonderes und einzigartiges Angebot der Zuwendung Gottes zu uns Menschen auf andere Weise ins Gespräch als man üblicherweise vermutet. Das ist eine Chance, eine Nische, und für mich persönlich eine sehr geeignete Weise, damit umzugehen, dass viele Menschen heute die Kirche und ihre Gottesdienste, Andachten und andere Veranstaltungen nur noch als „Kirche-für-den-Moment“, wie ich es gerne nenne, wahrnehmen. Ich habe inzwischen weit mehr Andachten mit Pilgergruppen mit größeren Teilnehmerzahlen gefeiert als zum Beispiel Teilnehmer an Passionsgottesdiensten in zehn Jahren Tätigkeit im Pfarrbezirk zählen können.

Eine Aussendung eines Pilgers aus unserer Gemeinde (auf dem Weg nach Santiago) wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben – wo findet sich denn auf die Schnelle ein Pilgersegen in einer unserer Agenden für den Gottesdienst? Not macht erfinderisch – und zum Glück gibt es gute, qualifizierte Literatur zum Thema.

An dieser Stelle möchte ich mich dafür bedanken, dass diese Anliegen im Kirchenbüro der SELK sehr wohlwollend aufgenommen wurden. Kirchenrat Schätzel hat offiziell für die SELK an den beiden Kirchen öffentlich-wirksam die entsprechenden Beschilderungen an den Kirchen in einem geistlichen Rahmen mit Andacht, Liedern und Gebet enthüllt.

Wie lässt sich der Aufwand für die beteiligten Gemeinden beschreiben?

Die Kirchen sind täglich geöffnet – mindestens von Ostern bis zum Reformationsfest. Da muss die Kirche aufgeschlossen werden. In beiden Gemeinden ist das problemlos möglich. Da und dort wird eine Flasche Mineralwasser aus dem Wasserkasten im Vorraum der Kirche mitgenommen. Das Angebot ist im Sinne der kirchlichen Gastgeberschaft nur eine kleine Aufmerksamkeit für Durchreisende. Ich lege regelmäßig meine Predigten und öfter mal die Wochenandacht zur Mitnahme aus – sie sind häufig nach einer Woche vergriffen.

Der Aufwand ist also im Prinzip sehr überschaubar: geöffnete Kirche, eventuell Blumenschmuck, ein Gästebuch zum Eintragen und etwas zum Mitnehmen. In beiden Kirchen stehen immer frische Blumen zum Sonntag auf dem Altar – sie halten aber gut eine Woche. Nach einer Hochzeit, Konfirmation oder Taufe bleibt der Schmuck inzwischen drei, vier Tage hängen und zeigt auf: Hier wird im Haus Gottes gelebt. Das Gästebuch ist immer da, ein Stift liegt bereit. Dort werden Gebetsanliegen, Grüße oder ein anderes Lebenszeichen eingetragen. Im Laufe der Zeit kamen für mich Postkarten zum Mitnehmen für Gäste, Pilgerinnen und Pilger dazu. Im Sinne des Interesses von Touristinnen und Touristen mit Smartphones gibt es an markanten Stellen in der Kleinen Kreuzkirche QR-Codes zum Einscannen.

Sie sind in diesem Bereich bereits seit vielen Jahren – für die SELK durchaus auch in einer gewissen Vorreiterrolle – aktiv. Wie fällt ein erstes Fazit aus?

Früher habe ich in Gesprächen zu diesem Thema aufgrund der ersten Begegnungen von Kirche und ihren Gebäuden als „Herberge“ gesprochen – das bleibt auch so. Herberge im Sinne von Schutz vor dem Wetter, das ist einfach zu erklären. Kirche als Ort der Geborgenheit und Schutzraum kann man auch historisch belegen und beschreiben. Auch im übertragenen Sinne gilt das. Kirche als heiliger Ort, der eine nicht immer näher beschreibbare Faszination ausstrahlt – das ist erst einmal zur Kenntnis zu nehmen – ein erstes Fazit.

Wir kommen vom Christentum nicht los, jedenfalls nicht so leicht, wie manche es vielleicht hoffen! Ich erlebe auf meinen Reisen: Überall in Europa zeigt das Christentum seine Beharrlichkeit. In Stein gehauen als Kathedrale in der Stadt wirkt es fort. Denken Sie an die Berichterstattung zum Feuer in Notre-Dame in Paris vor einigen Wochen und das dort spontan gesungene „Ave-Maria“ auf der Straße! Als ausgeschmückter barocker Dom in Bayern oder norddeutsche Backsteinkirche um die Ecke, als verwahrloste Dorfkirche irgendwo im Süden Frankreichs oder als kleine Kapelle am Wegesrand in Wales wirkt es trotzdem. Eine täglich geöffnete Kirche – sorgsam gepflegt – signalisiert: Das Christentum ist (noch) da. Es fasziniert und stört, ja, manchmal verstört es, und doch ruft es durch diese Art Verkündigung des Evangeliums immer wieder neu zur Begegnung mit Gott. Unser christlicher Glaube übt nach wie vor einen besonderen Reiz aus. Aber ganz anders als vielleicht erwartet oder innerhalb unserer Denkschemata erhofft. Deswegen spreche ich gerne vom Kirchgebäude als ‚sichtbares Wort Gottes‘

Inzwischen präzisiere ich aufgrund der Erfahrung meine Erkenntnisse auch mit dem folgendem Wortgebilde: In unseren Kirchen sind wir als Pfarrer für einen kurzen oder längeren Moment mit Gott und Menschen gemeinsam unterwegs durchs Leben. Dazu bieten offene Kirchen eine Möglichkeit von vielen. Dieses Kirche-für-den-Moment-Sein ist mir inzwischen sehr vertraut geworden und hat auch einen immens erleichternden Aspekt meiner Tätigkeit als Pfarrer zur Folge.

Mögen Sie Beispiele erzählen?

Da kommt eine Frau und bittet darum, für einen Moment in die Kirche gehen zu können und dort zur beten. „Natürlich“, sage ich, „warum denn nicht?“ Und sie geht und betet, wir sprechen kurz auf der Kirchenbank miteinander, ich gehe wieder raus. Später schreibt sie ein paar Gedanken ins Gästebuch. Das reicht aus. Für den Moment, soweit ich sehe. Und dann lese ich zwei Jahre später völlig überrascht im Gästebuch dem Sinne nach: „Ich war nach zwei Jahren wieder in dieser Kirche. Ich erinnerte mich an das Gespräch damals und die guten Gedanken des Pfarrers. Danke, dass diese Kirche dafür geöffnet ist!“. Das mag anderen Menschen an anderen Orten ebenso gegangen sein. Kirche hat ein offenes Ohr und Herz für den Menschen, hier, jetzt und heute.

In einem Fall hat eine Trauerbegleitung so ausgesehen, dass wir eine Andacht für einen Menschen gestaltet haben, der verstorben war und dabei als Erinnerung und Symbol für Menschen mit einer geistigen Behinderung nach der Andacht ein paar Luftballons steigen lassen. Zwei Ballons „entwichen“ allerdings frühzeitig und klebten 10 Tage an der Kirchdecke. Darüber entstanden Gespräche mit zufällig vorbeischauenden Touristen – mit tieferem Inhalt als manch anderes Gespräch über den Kirchenzaun. Das sind extrem wertvolle Erfahrungen für mich – und es genügt mir zu wissen: Dieses eine Gespräch ist Teil eines Unterwegs-Sein des betreffenden Menschen mit Gott, wenn auch anders, als ich es gedacht, traditionell gelernt und für richtig erachtet habe. Ich bin in diesem Fall nur ein klitzekleiner Teil im Gesamtbild des Lebens mit Christus für diesen Menschen. Aber es reicht aus. Wann und ob dieser Mensch noch einmal wiederkommt oder anderswo einen Gottesdienst besucht; ich habe es nicht in der Hand. Gott mag es schenken, Gott mag es lenken. Es liegt in seiner Hand, nicht in meiner Verfügungsgewalt. Anders gesagt: Die Begegnung mit Menschen, die eine offene Kirche besuchen und mit mir ins Gespräch kommen – es ist tatsächlich nur ein Bruchteil derer, die die offenen Kirchen in Bleckmar und Hermannsburg besuchen – das hat meinen Horizont von Kirche-Sein ziemlich verändert. Es ist genug, wenn man sich gemeinsam auf dem Weg in die Ewigkeit einen Moment lang gemeinsam bestärken kann.

Wo wir bei Tourismus sind: Was sind Ihre drei persönlich favorisierten und erwünschten Reiseziele?

‚Ah, but your land is beautiful‘ heißt ein Buchtitel von Alan Paton aus Südafrika – aber Südafrika ist für mich kein Reiseziel mehr, obwohl ich dort 23 Jahre lebte. Die Welt ist auch anderswo schön und facettenreich. Der Westen Kanadas lockt – mit einer Handvoll Geld ($ 20.-) ist dort immer noch vieles möglich. Ein zweites Wunschziel ist Südostasien. In meiner Zeit als Missionsdirektor entstanden Beziehungen, die ich gerne pflegen würde. Mich interessieren die Spuren der christlichen Mission in Japan und in Indonesien das Wirken des berühmten Ludwig Ingwer Nommensen. Eine echte Pilgerreise möchte ich irgendwann einmal nach Israel unternehmen, und dabei viel Zeit in der Ebene Jesreel zwischen Samaria und dem Berg Karmel, dem galiläischen Meer und schließlich noch Zeit ohne Hektik in Jerusalem verbringen. Es gibt einen „Jesus-Trail“ für Pilger rund ums galiläische Meer, soweit bin ich darauf immerhin schon vorbereitet. Wer weiß, ob von diesen Wünschen einer oder alle in Erfüllung gehen?

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