Geliebt und verachtet

 
Zur Rezeption Tersteegens im konfessionellen Luthertum


In diesem Jahr jährt sich der Todestag des Liederdichters Gerhard Tersteegen zum 250. Mal. Prof. Dr. Christoph Barnbrock von der Lutherischen Theologischen Hochschule Oberursel der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) ist in einem Referat der Aufnahme von Tersteegen-Lieder im konfessionellen Luthertum nachgegangen.

Tersteegen

„Geliebt und verachtet – Die Rezeption Gerhard Tersteegens im konfessionellen Luthertum“ – unter diesem Titel hielt Prof. Dr. Christoph Barnbrock seinen Vortrag auf der Jahrestagung des Vereins für Freikirchenforschung vom 5. bis zum 7. April 2019 in Mühlheim/Ruhr. Die Tagung hatte den 250. Todestag des reformierten Mystikers und Liederdichters Tersteegen zum Anlass genommen, nach der Rezeption seiner Lieder in den Freikirchen zu fragen.

Dass man über die Liedauswahl für ein Gesangbuch gut und gerne streiten kann, erfahren alle Kommissionen, die sich an ein solches Werk wagen. Christoph Barnbrock zitiert dazu Propst i.R. Manfred Weingarten, der in einem Referat mit Blick auf das erste Gesangbuch aus dem Bereich der heutigen Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), das sog. Cromesche Gesangbuch (1856) formulierte: „Crome wollte ein Lutherisches Gesangbuch, dabei ohne pietistischen Schwulst und rationalistische Akzente, z.B. keine Lieder von Gellert, Hiller, Knapp und Tersteegen.“ Er erinnere sich noch an die Bedenken hinsichtlich der Liedzusammenstellung des Evangelisch-Lutherischen Kirchengesangbuchs (ELKG), sagte Christoph Barnbrock. Das 1987 eingeführte Gesangbuch war im Wesentlichen eine Ausgabe des alten Evangelischen Kirchengesangbuchs (EKG) mit eigenem Anhang. „Dass in diesem Gesangbuch, wie im EKG-Stammteil, gleich zehn Lieder von Gerhard Tersteegen enthalten waren, war manch einem Theologen ein Dorn im Auge“, so Barnbrock. Im neuen Gesangbuch der SELK, das Ende 2019 erscheinen soll, sind nun sechs Tersteegen-Lieder wieder aufgenommen worden – fast so viele wie im Stammteil des Evangelischen Gesangbuches, unter anderem das weithin bekannte „Gott ist gegenwärtig“.

Die Unterschiede in Theologie und Frömmigkeit sind augenfällig, führte Barnbrock aus: „Hier der reformiert geprägte Tersteegen, dort Lutheraner, die ihren Weg in eine eigenständige kirchliche Existenz nicht zuletzt dem Protest gegen vorschnelles Überspringen der konfessionelleren Unterschiede – zum Beispiel in entstehenden Unionskirchen – verdanken. Hier derjenige, der ‚aus Gewissensgründen den Besuch des heiligen Abendmahls ab(lehnte)‘, dort diejenigen, die gerade darum kämpften, das heilige Abendmahl weiterhin so feiern zu können, wie sie es gewohnt waren und für theologisch angemessen hielten. (…) Hier der Mystiker mit der Sorge ‚um die lebendige Gottesbeziehung‘, (…), der die ‚Sprache der mystischen Innerlichkeit‘ sprach, dort die theologische Strömung, die gerade in Neuformulierungen von Begrifflichkeiten die Erosion der Kirche zu erkennen meinte und die von daher auf bestimmte theologische Begriffsbestimmungen besonderen Wert legte.“

Bei all den Unterschieden würden sich aber auch einige Verbindungslinien ergeben, sagte Christoph Barnbrock und wies u.a. auf „mystische Wurzeln“ hin, die sich auch für Martin Luthers Theologie beschreiben ließen und die in die mittelalterliche katholische Theologie zurückreichten. Einflüsse der Erweckungsbewegung auf die entstehenden selbständigen lutherischen Kirchen verstärkten diese Berührungspunkte in vielfältiger Weise.

Inzwischen sind Tersteegens Lieder wie „Gott ist gegenwärtig“, oder „Jauchzet ihr Himmel“, oder das Abendlied „Nun sich der Tag geendet“, Teil der Konfessionskultur konfessionell-lutherischer Gemeinden geworden. Durch die Übernahme des Stammteils des Evangelischen Gesangbuchs wurden seine Lieder eben auch in den lutherischen Gottesdiensten genutzt und dadurch bekannt.
Solch breite Rezeption des Liedguts Gerhard Tersteegens sei durchaus kritisch wahrgenommen worden, betonte Barnbrock und zitierte als Beispiel den amerikanischen lutherischen Theologen John T. Pless, der darauf hinwies, dass mit der Übernahme von pietistischen Liedern wie denen von Tersteegen letztlich eine konfessionelle Verschiebung stattgefunden habe, die zum Beispiel den „Christus pro nobis“ durch den „Christus in nobis“ ersetzt habe.

Andererseits, so Barnbrock, „ließe sich für das konfessionelle Luthertum sagen, dass es in Tersteegens Dichtung durchaus einen Teil seiner eignen spirituellen Prägung entdecken kann, wenn bei diesem etwa Dogmatik und Anbetung näher zusammenrücken. Und dies bleibt auch dann wahr, wenn an anderen Punkten, etwa im Bereich der Sakramentstheologie und Ekklesiologie erkennbare Unterschiede zu vermerken sind.“

Und schließlich wies der praktische Theologe darauf hin, dass die anhaltende „Tersteegen-Renaissance“ auch bestimmte Trends in Kirche und Gesellschaft widerspiegle. „Gemeindliche und kirchliche Verbundenheit nimmt in unserer Zeit und Weltgegend ab, während die individuellen spirituellen Suchbewegungen weiterhin ihren Platz haben. „Lehre“ und „Bekenntnis“ haben vielerorts einen eher schlechten Ruf, während „Erfahrung“ und „Erlebnis“ für viele Menschen einen hohen Stellenwert besitzen.“

Für das konfessionelle Luthertum sei die Rezeption Tersteegens Chance und Herausforderung zugleich, meinte Barnbrock abschließend. Eine Chance, weil sie dem konfessionellen Luthertum neu Zugänge zu den mystischen Wurzeln der eigenen Konfession erschließen helfe. Eine Herausforderung, „weil hierdurch Trends verstärkt werden können, die gerade dazu beitragen, das eigene konfessionelle Profil zu verlieren und die Bedeutung kirchlicher Verbundenheit und kirchlicher Verbindlichkeit samt ihrer gottesdienstlichen Verankerung zu schwächen.“

 

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