Professor Salzmann im Interview


Prof. Dr. Jorg Christian Salzmann tritt Ende August in den Ruhestand. Knapp 30 Jahre hat er zunächst als Lehrbeauftragter, dann als Professor für Altes Testament und schließlich als Professor für Neues Testament an der Lutherischen Theologischen Hochschule in Oberursel (LThH), einer Kirchlichen Hochschule in Trägerschaft der SELK, gearbeitet. Für selk.de hält er Rückschau auf diese Zeit.


Prof. Salzmann

SELK.de: Wenn Sie auf die knapp 30 Jahre Lehrtätigkeit an der LThH zurückschauen: Was waren die größten Veränderungen, die sich in dieser Zeit ergeben haben? Und was sind die Konstanten über die drei Jahrzehnte hinweg?

Salzmann: Die größten Veränderungen, die ich an der LThH erlebt habe, sind die beiden Personen: Zu Beginn meines Lehrauftrags an der LThH waren noch die Professoren Günther, Hoffmann, Roensch, Rothfuchs und Stolle im Amt. Als ich dann die Nachfolge von Professor Günther antrat, war der Generationswechsel in vollem Gange, und heute ist wieder eine komplett neue Generation hier tätig. Auch beim Hochschulpersonal gab es kurz nach dem Beginn meiner Arbeit als Professor einschneidende Wechsel; seitdem ist das Team allerdings sehr konstant geblieben. Der Rückgang der Studierendenzahlen war schon im Gang, als ich kam; andererseits gehört der stete Wechsel bei den Studierenden ironischerweise zu den Konstanten des Hochschullebens – wie übrigens auch die permanente Arbeit an neuen Studienordnungen. Den Übergang zum modularisierten Studium mit Blöcken von Lehrveranstaltungen, die zu einem Modul zusammengefasst werden, und mit Leistungspunkten, die nach studentischer Arbeitszeit vergeben werden, habe ich allerdings als einen Systemwechsel erlebt, der das Studium sehr verändert, jedoch nicht wirklich verbessert hat.

SELK.de: Sie haben über ein kirchengeschichtliches Thema promoviert, dann eine Zeitlang Altes Testament unterrichtet und dann Neues Testament. Was waren die Herausforderungen, die sich durch diese Veränderungen im Fokus der Arbeit ergeben haben? Und was waren vielleicht auch Bereicherungen?

Salzmann: Meine Doktorarbeit drehte sich um den Wortgottesdienst der neutestamentlichen Zeit und der zwei Jahrhunderte danach; sie war im Fach Neues Testament angesiedelt, ging aber über den Rahmen dieses Fachs hinaus. Dazu passte, dass ich damals an der Universität als Assistent für Kirchengeschichte mit dem Schwerpunkt Alte Kirche gearbeitet habe. Der Übergang zum Fach Altes Testament, das ich hier übernahm, weil kein „richtiger“ Alttestamentler in unserer Kirche zur Verfügung stand, war schwierig, denn ich musste mein Hebräisch wieder auffrischen und vor allem tiefer in die breit gefächerte Fachliteratur zum Alten Testament einsteigen. Bei der gleichzeitig beginnenden Lehre war ich meinen Studierenden dann oftmals gerade so eine Woche voraus … Zugleich ist die intensive Auseinandersetzung mit alttestamentlichen Texten immer schon ein Erlebnis; man steigt in eine fremde und doch vertraute Welt ein, und es gibt viel zu entdecken. Außerdem ist es schließlich auch für das Verständnis des Neuen Testaments enorm wichtig, sich im Alten Testament auszukennen. Schon so zentrale neutestamentliche Begriffe wie Gnade und Sünde, Gottes Volk und Gottesreich, Messias und Bund sind ohne das Alte Testament schlechthin nicht richtig zu verstehen.

SELK.de: Derzeit bewegen sich die Zahlen der Theologiestudierenden eher auf einem niedrigen Niveau – in Oberursel, aber auch andernorts. Viele wissen nicht, warum es sich lohnen sollte, Theologie zu studieren und Pfarrer oder Pastoralreferentin in der SELK zu werden. Welche Gründe würden Sie benennen, wenn ein junger Mensch Sie danach fragen würde?

Salzmann: Gott braucht Menschen für den Bau seiner Kirche, auch solche die bereit sind, hauptamtlich für die Kirche zu arbeiten. Übrigens benötigen die Kirchen trotz rückläufiger Kirchgliederzahlen dringend theologischen Nachwuchs und können diesen nach Menschenermessen auch in Brot und Arbeit halten. Diese Arbeit ist sehr vielseitig und befriedigend, weil sie mit Menschen und den wichtigen Lebensfragen zu tun hat, weil Zuhören und Reden, Predigen und Unterrichten, Organisieren und Dingen ihren Lauf lassen, Feiern und Trauern und noch vieles mehr dazu gehören. Und das Studium ist hochinteressant und ebenfalls sehr vielseitig: Fremdsprachen und der Umgang mit Texten, Geschichte und Philosophie, Sozialwissenschaften und Pädagogik: So viel fließt mit hinein und ist doch fokussiert, ich will als Bibelwissenschaftler einmal sagen fokussiert auf Gottes Wort und sein Wirken in dieser Welt.

SELK.de: Über lange Zeit haben Sie auch dem Grundstücksverein der LThH vorgestanden und sich mit viel Kraft und Leidenschaft um die Baulichkeiten auf dem Campus gekümmert. Als letztes großes Projekt haben Sie den Neubau des Bibliotheks- und Hauptgebäudes der Hochschule begleiten und zur Fertigstellung bringen dürfen. Welche Bedeutung hat dieses Gebäude Ihrer Meinung nach für die Hochschule?

Salzmann: Der Neubau war überfällig, weil Bibliothek und Verwaltung, also zwei der zentralen Funktionsgebäude der Hochschule, über 75 Jahre alte niedrige und baufällige Baracken waren. Der Neubau symbolisiert für mich aber auch einen Neuaufbruch in schwierigen Zeiten, die Hoffnung und Zuversicht, dass die Hochschule gebraucht wird und dass es schön ist hier zu studieren und zu arbeiten. Es wird auf absehbare Zeit genügend Platz nicht nur für die Bücher, sondern für den Hochschulbetrieb überhaupt geben, und es lässt sich in den freundlich hellen Räumen des Neubaus mitten im Grünen gut leben und arbeiten.

SELK.de: Was sind Ihre Pläne für den Ruhestand und was wünschen Sie Ihrer Kirche und Ihrer Hochschule für die Zukunft?

Salzmann: Im Ruhestand muss ich erstmal ankommen; meine Frau und ich werden uns in der neuen Heimat in Norddeutschland einrichten, bestehende Kontakte pflegen und auch neue Kontakte suchen. Gern möchte ich noch ein Buchprojekt zur Theologie des Wortes Gottes in der Bibel zu Ende bringen, das ich schon vor längerem angefangen habe. Ich freue mich aber auch darauf, Zeit zu haben für Kinder und Enkel, für Freunde und Verwandte, Zeit auch zum Reisen und Wandern; und im neuen Haus, das schon älter ist, wird es immer wieder mal was zu werken und zu basteln geben. Meiner Kirche wünsche ich, dass sie mit der Botschaft des Evangeliums viele Menschen erreicht und ihnen eine freundliche und offene geistliche Heimat werden kann. Vom Evangelium und für das Evangelium begeisterte Menschen sind auch das, was die Hochschule braucht; ich wünsche mir, dass die Hochschule auch künftig vielen die befreiende Botschaft des lutherischen Glaubens vermitteln kann.

SELK.de: Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen für den neuen Lebensabschnitt Gottes Segen!

 

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