„Weil ich auf den Gekreuzigten schaue ...“


Bischof i.R. Dr. Jobst Schöne D.D., von 1985 bis 1996 leitender Geistlicher der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), verstarb am 22. September 2021 im Alter von 89 Jahren in Berlin. Drei Tage vorher, am 16. Sonntag nach Trinitatis, 19. September 2021, hielt er – von schwerer Krankheit gezeichnet, aus dem Rollstuhl heraus - im Gottesdienst seiner Mariengemeinde in Berlin-Zehlendorf seine letzte Predigt. Diese Predigt dokumentiert selk.de an dieser Stelle mit freundlicher Erlaubnis der Familie.


Jobst Schöne

Bibelabschnitt zur Predigt: Klagelieder 3, 22-26.31-32: Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

Der HERR segne an uns dies Wort. Amen.

Liebe Gemeinde! Dies wird eine kurze Predigt, Coronas wegen und in dieser Situation, in der sich der heutige Prediger auf dieser eigenartigen Kanzel befindet. Aber wir wollen doch ein bisschen dem nachdenken, was uns der Prophet Jeremia hinterlassen und der Heilige Geist für aufzeichnungswert gehalten hat.

Denn da stellen sich gleich zwei Fragen: 1.) Wer oder was spricht hier? Das ist ein Mensch im 6. Jahrhundert vor Christus weit weg von uns. Aber es spricht zugleich der Heilige Geist, der uns seine Worte in den Mund legen will. 2.) Wo sind wir in diesem Wort der Schrift, wir mit unseren Erfahrungen, Empfindungen, Erlebnissen? Denn in den biblischen Worten und Bildern sind wir immer irgendwo, das gilt es zu entdecken. Denn unsere Sache wird verhandelt.

Wo also stehen diese Worte in der Heiligen Schrift? Im Alten Testament, im Buch der Klagelieder Jeremias. Das ist um 600 vor Christi Geburt. Und was der Prophet Jeremia erlitten hat an Verfolgung, Ablehnung, Hunger, Angst, Elend – das alles kann man nachlesen. Ihm ist wirklich nichts erspart geblieben. Er erlebte die Belagerung Jerusalems durch die Babylonier, den Untergang der Stadt, Gefangenschaft – und ist am Ende irgendwo in Ägypten verschollen. Ein trostloses Schicksal.

Da jammert, klagt, fleht der Prophet und hat allen Grund dazu. Aber plötzlich ändert sich seine Stimme, wird aus dem Klagelied ein Lobgesang. Welch ein Wechsel. Den schafft nicht jeder. Viele bleiben beim Klagen und Jammern stehen. Nicht so Jeremia.

Was wir eben gehört haben, ist kein Jammern mehr, sondern das Gegenteil. Es ist wie wenn die dunklen Wolken über uns auf einmal aufreißen und das helle Licht der Sonne scheint. Oder anders gesagt: da blickt der Prophet ins Herz GOTTes und es verschlägt ihm buchstäblich die Sprache. Er merkt, dass GOTT sich uns in Liebe, Barmherzigkeit, Erbarmen zuwendet. Nicht die Sprache des Zornes, der Bestrafung, der Abwendung und des Fallenlassens ist GOTTes eigentliche Sprache, sondern die der Güte, der Freundlichkeit, der Zuwendung: hier bin ICH, ICH helfe dir, ICH bin an deiner Seite. Mag kommen was will.

Ja, GOTT wickelt seine Zuwendung, seine Güte, sein Erbarmen oftmals ein in das glatte Gegenteil, in das, was uns hart, schlimm, trostlos erscheinen möchte. Ich suche ein Bild dafür, finde aber nur ein sehr schwaches. Nämlich: in meiner Kinderzeit hat meine Mutter für die Familie und für viele, die sie beschenken wollte, in der Adventszeit Christstollen zubereitet. Die wurden zum Ausbacken zu unserem Bäcker getragen, der den nötigen Ofen hatte. Dazu waren die vorbereiteten Laibe in alte Tücher, unansehnlich und nicht sehr verheißungsvoll eingeschlagen.

Den köstlichen Christstollen sah man nicht. Und gibt es einen köstlicheren Stollen als den, den die eigene Mutter bereitete? Als wir‘s vom Bäcker abholten, da duftete es so sehr, dass wir Kinder es kaum erwarten konnten, hineinzubeißen.

Was ich damit sagen will? Genau so etwas tut ja GOTT, will ich sagen: ER wickelt seine Barmherzigkeit ein, manchmal in ganz Unansehnliches, ins glatte Gegenteil. Aber was sagt, betet, lobpreist der Prophet? „Die Güte des HERREN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu“. So hat er's erfahren, mitten in all seinem Elend.

„Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele“. Als das Volk Israel ins Heilige Land eingewandert war - nach 40 (!) Jahren in der Wüste – da wurde das Land verteilt unter die Stämme. Nur ein Stamm bekam keinen Teil: die Leviten, weil ihr „Teil“ der Heilige Dienst im Tempel war – „der HERR ist mein Teil“. Waren sie deshalb benachteiligt? Zu kurz gekommen? Nichts da, man kann eher sagen: sie rückten ein Stück näher an GOTT heran als die anderen.

So rücken auch wir näher an GOTT heran, wenn er uns das entzieht, was wir für unser „Teil“, für unentbehrlich halten mögen: Gesundheit, Auskommen, Wohnung, die sichere Rente oder Gehalt, Bewegungsfreiheit, vielleicht die Familie oder Menschen, die uns sehr viel bedeuten.

Nimmt uns GOTT davon etwas, dann macht er uns – momentan – zwar ärmer, so will es scheinen. Aber ER ist und bleibt freundlich dem, der auf IHN harrt, der nach IHM fragt. ER verstößt nicht auf ewig, sondern: ER betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

Woher ich das weiß? Weil ich dazu auf den Gekreuzigten schaue, der unsere Schuld, unser Weglaufen von GOTT auf sich nahm und abbüßte. Der aus dem Tod erstand, lebendig, mächtig, ein Retter aus aller Not. Deiner Not, meiner Not. ER ist Güte, Barmherzigkeit, Treue, Erbarmen in Person.

„Denn der HERR ist freundlich dem, der auf IHN harrt, und dem Menschen, der nach IHM fragt. Denn der HERR verstößt nicht auf ewig; sondern ER betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.“ „Der HERR“, das ist nicht irgendwer. Das ist JEsus CHristus, gelobt in Ewigkeit. Amen.

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