Als Rektor am Wilke-Stift


Pfarrer Markus Müller im Interview

Seit dem 1. Januar 2019 ist Markus Müller (53), Pfarrer der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), als Rektor des Naëmi-Wilke-Stiftes Guben tätig. Vorher war er Gemeindepfarrer in den Pfarrbezirken Celle/Lachendorf und Hermannsburg (Große Kreuzgemeinde), von 2003 bis 2010 zudem nebenamtlich Superintendent des Kirchenbezirks Niedersachsen-Süd. Für selk.de beantwortete er Fragen zu seinem jetzigen Tätigkeitsfeld.

Wilke Stift

SELK.de: Herr Pfarrer Müller, seit gut zwei Jahren sind Sie Rektor des Gubener Naëmi-Wilke-Stifts, der größten diakonischen Einrichtung der SELK. Vorher waren Sie Gemeindepfarrer. Wie groß war am Anfang die Umstellung und was waren besondere Herausforderungen?

Müller: Neu waren zunächst ganz alltägliche Abläufe. Dienstbeginn ist um 7.00 Uhr mit einer Andacht, in der wir u.a. für die Geburtstagskinder des Tages, das Stift als Ganzes, seine Patienten und Klienten beten. Diese Andacht schätze ich sehr, das frühe Aufstehen weniger.

Ein großer Unterschied zum Pfarramt ist z.B., dass sich in der Kirchengemeinde Gemeindeglieder freiwillig in ihrer Freizeit für das Reich Gottes einsetzen. Im Stift haben wir Mitarbeitende, die mit großer Überzeugung in ihrem Arbeitsfeld wirken. Dennoch stehen sie in einem Dienstverhältnis. Die Mitarbeitenden haben Rechte und Pflichten, die habe ich als Rektor zu kennen und zu beachten. Dies beschreibt außerdem eine veränderte Rolle. Als Pfarrer habe ich mich in der Gemeinde als Mitbruder und Gemeindeglied verstanden. Im Naëmi-Wilke-Stift ist der Rektor Vorsitzender des Vorstands. Er ist damit Vorgesetzter und trägt Verantwortung für die Geschäftsführung. Dieser Rollenwechsel ist im Alltag von großer Bedeutung. Außerdem galt es, sich in die besonderen Grundlagen der unterschiedlichen Wirkungsfelder des Stifts einzuarbeiten. Das Spektrum ist breit, von den gesetzlichen Grundlagen einer Kita über das Beschwerdemanagement im Krankenhaus, von Budgetverhandlungen für eine Erziehungsberatungsstelle bis hin zu Ethikunterricht in unserer Schule für Gesundheits- und Krankenpflegehilfe. Jede Woche lerne ich absolut Neues kennen. Gleichzeitig bin ich aber auch im Stift Pfarrer, Theologe und Seelsorger geblieben. Es bieten sich jede Woche viele Anlässe, geistliche Impulse zu setzen oder mich im Gespräch mit Mitarbeitenden, Patienten, Angehörigen oder auf Ämtern seelsorgerlich einzubringen.

SELK.de: In der Presse ist immer wieder von Kostendruck im Gesundheitswesen zu lesen. Das gilt sicherlich auch für das Naëmi-Wilke-Stift. Gleichzeitig befindet sich die Einrichtung in einem der säkularisiertesten Landstriche Deutschlands. Wie kann es unter solchen Rahmenbedingungen gelingen, der Arbeit ein christliches Profil zu geben?

Naemi-Wilke-StiftMüller: Im Blick auf den Kostendruck geht es dem Naëmi-Wilke-Stift tatsächlich nicht anders als anderen diakonischen Einrichtungen. Wir müssen mit dem auskommen, was in den Verhandlungen mit Krankenkassen und anderen Kostenträgern vereinbart wurde oder gesetzlich geregelt ist. Für uns gibt es auch keine kirchlichen Zuschüsse. Dennoch wollen wir als kirchliches Haus erkennbar sein. Patienten merken schon, ob ihre Behandlung rein gewinnoptimierend verläuft oder ob menschliche Kriterien auch eine Rolle spielen. Leider wird das von unserer aktuellen Gesundheitspolitik nicht unterstützt. Hier müsste ein politisches Umdenken erfolgen.

Als Stift versuchen wir dennoch auf vielfältige Weise Akzente zu setzen, etwa, um zunächst nur ein Beispiel zu nennen, in dem wir ein Ehe- und Lebensberatungsangebot aus eigenen Mitteln finanzieren.

SELK.de: Das Naëmi-Wilke-Stift war immer auch mit dem Gubener Diakonissenmutterhaus verknüpft. Diakonissen gibt es in Guben derzeit nicht mehr. Was kann das Stift und was können wir als Kirche gleichwohl aus dem Erbe der Diakonissenbewegung für Gegenwart und Zukunft mitnehmen?

Müller: Unsere Diakonissen lebten nach den Werten, die von Pfarrer Theodor Fliedner, Kaiserswerth, geprägt waren. Auch heute noch engagiert sich das Stift im Kaiserswertherverband (KWV). Viele Mitgliedshäuser des KWV nehmen eine ähnliche Entwicklung wie Guben. Die Diakonissen alter Prägung haben kaum Nachwuchs. Es gibt neue Ansätze, diakonische Gemeinschaften zu fördern oder das Selbstverständnis der Diakonisse neu zu interpretieren.

Was uns im Stift seit mehr als 140 Jahren antreibt, ist auch der Wille, diakonische Bildung an die Mitarbeitenden weiterzugeben. Diakonische Bildung war ein wichtiger Bestandteil des täglichen Dienstes der Diakonissen. Heute sind viele Mitarbeitende ohne christliche Wurzeln. Wir wollen niemanden zur Teilnahme an Gottesdiensten, Andachten oder Bibelstunden vergattern. Aber wir machen Angebote, um sich auf freiwilliger Basis mit den Grundlagen des christlichen Glaubens und unserer diakonischen Grundwerte zu beschäftigen. Bei Einführungstagen für neue Mitarbeitende führen wir in die Grundwerte ein, stellen sie im Schulunterricht vor, bieten diakonische Grundlagenkurse und Begegnungswochenenden an. Zukünftig wollen wir die Vorstellung und den Austausch über diakonische Grundwerte auch in der Fortbildung von Führungskräften und Ärzten berücksichtigen.

Nicht zu unterschätzen ist die christliche geprägte Gestaltung von Räumen und Zimmern, z.B. durch christliche Symbole wie das Kreuz des Stifts. Wichtig bleiben Gottesdienste und Andachten, die für Patienten, Besucher und Mitarbeitende erlebbar und begreifbar sind. Sie haben eine Wirkung, auch wenn nur wenige teilnehmen. Sie werden dennoch von vielen wahrgenommen.

SELK.de: Seit letztem Jahr bestimmt die Corona-Pandemie das Leben in Deutschland – für das Stift und für Ihre Arbeit als Rektor gilt das sicherlich noch einmal in besonderer Weise. Was haben Sie im letzten Jahr als beschwerlich erlebt und was haben Sie vielleicht auch an Ermutigendem wahrnehmen können?

Müller: Die Corona-Pandemie hat auch im Stift alle Lebensbereich durcheinandergebracht. Beschwerlich waren die sich ständig verändernden Voraussetzungen, die von außen an uns herangetragen wurden und dann sehr schnell, ohne dass dafür genaue Vorgaben existierten, umgesetzt werden mussten. Das hat Mitarbeitende aber auch Patienten und Klienten stark beansprucht. Das Verständnis für die angeordneten Maßnahmen musste im Laufe der Zeit bei den Betroffenen wachsen. Das sorgte hier und da für belastende Diskussionen innerhalb der Abteilungen. Ermutigend war das Miteinander von Mitarbeitenden und Führungskräften, die sich gemeinsam für das Stift einsetzten. Zu Beginn der Pandemie haben wir Führungskräfte mehrmals in der Woche zu gemeinsamen Lagebesprechungen eingeladen. So konnte ein neues Miteinander und ein abteilungsübergreifendes Denken vertieft werden.

SELK.de: Zum Schluss: Was wünscht sich der Rektor des Naëmi-Wilke-Stifts von seiner Kirche für seine Arbeit und die vielfältigen Arbeitsbereiche des Stifts?

Müller: Wir sind im Stift, aber auch in der örtlichen SELK-Gemeinde Des Guten Hirten immer sehr dankbar, wenn sich Fachkräfte aus der SELK bewusst im Stift bewerben und bereit sind, mit ihren Gaben und Fähigkeiten, aber auch als Christin oder Christ hier in Guben zu wirken.

Für unsere Kirche wünsche ich mir das Bewusstsein, dass diakonische Arbeit nicht nur auf ehrenamtliches Engagement in Kirchengemeinden beschränkt ist. Ich wünsche mir eine gute Verzahnung von ehrenamtlicher und hauptamtlicher Diakonie. Aus meiner Erfahrung weiß ich zwar, dass die Themen, die Fachleute aus diakonischen Einrichtungen vertreten, Gemeindegliedern manchmal eher fern erscheinen. Sie sind es aber dennoch wert, in der Gemeinde diskutiert zu werden. Ich habe den Eindruck, das gelingt gut beim Thema „Geflüchtete“ aufgrund vieler persönlicher Kontakte. Aktuell könnten wir auch über das Thema: „Wie wollen wir sterben?“ diskutieren oder über das Thema „Armut und Existenzsicherung“ oder die sozialen Folgen des Klimawandels oder des Lieferkettengesetzes.

Für unsere Kirche ist es meines Erachtens wichtig, dass sie auch zukünftig Ihre Verantwortung in der Seelsorge an Patienten, Mitarbeitenden und Kindern im Stift sieht und wahrnimmt und darum weiter für die Seelsorge im Krankenhaus und Stift sorgt. Darüber hinaus ist es auch für unsere Kirche gut, eine diakonische Einrichtung in ihrer Mitte zu haben und die entsprechenden Kompetenzen zu nutzen.
Ich wünsche mir darum weiterhin ein segensreiches Miteinander von Kirche und Diakonie.

SELK.de: Vielen Dank für dieses Interview und herzliche Segenswünsche für Ihren weiteren Dienst in Guben.

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