St. Johannes-Kapelle Limburg: bewegte Geschichte


Mit ihren fast 700 Jahren dürfte die St. Johannes-Kapelle in Limburg das älteste Gotteshaus einer Gemeinde der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) sein. Jetzt wurde die Kapelle umfangreich renoviert und wieder in den Dienst genommen. Die Journalistin und Buchautorin Doris Michel-Schmidt, Kirchenvorsteherin der Gemeinde, berichtete darüber. Der Beitrag erscheint auch im SELK-Kirchenblatt „Lutherische Kirche“ (6/2019).

Limburg

Mit einem Festakt und einem Gottesdienst feierte die Limburger St. Johannes-Gemeinde der SELK am 4. und 5. Mai 2019 den Abschluss der umfangreichen Renovierung ihrer denkmalgeschützten Kapelle. Mit ihren fast 700 Jahren dürfte die Kirche das älteste Gotteshaus innerhalb der SELK-Gemeinden sein.

Im Dankgottesdienst predigte der Bischof der SELK, Hans-Jörg Voigt, D.D. (Hannover). Er nahm an diesem „Hirtensonntag“ das Bild des Hirten und seiner Schafe auf und verglich die Kapelle mit einem Schafstall, in dem die Schafe sich sicher und beschützt fühlten – und auf die Stimme ihres Hirten hörten.

Die Kapelle, die idyllisch am Rande der Limburger Altstadt und an der Lahn gelegen ist, gehört wesentlich zum Stadtbild. Keine andere Limburger Kirche habe eine ähnlich bewegte Geschichte, sagte der Stadtarchivar Dr. Christoph Waldecker in einem Vortrag im Rahmen des Festaktes.

1322 bis 1324 wurde sie erbaut, als Klosterkapelle des Klosters Eberbach im Rheingau, das in Limburg eine Niederlassung betrieb. Daher stammt auch die Ortsbezeichnung „In der Erbach“. Nach dem „zisterziensischen Bauprogramm“ entstand ein schlichter Saalbau mit unverputzten Bruchsteinmauern, mit nur kleinen Lichtöffnungen.

Nach der Säkularisation der Klöster 1803 fiel das Kloster Eberbach – und damit auch die Limburger Niederlassung - an den Fürsten von Nassau-Usingen. Damit endete die Nutzung der Kapelle als Gotteshaus. Sie wurde nun zum Salzlager, der Dachboden zum Getreidespeicher, später war sie auch zeitweise Lager für Selterswasser. 1830 überließ die herzogliche Regierung die Kapelle der sich neu gründenden evangelischen (unierten) Gemeinde, ein Jahr später wurde sie als erste evangelische Kirche Limburgs eingeweiht. Die Zahl der Protestanten stieg in den folgenden Jahren allerdings so stark an, dass die Kapelle mit 80 Sitzplätzen bald zu klein war, obwohl vermutlich schon 1831 eine Holzempore eingebaut worden war.

Nachdem die Protestanten eine neue, größere Kirche in der Nähe des Bahnhofs gebaut hatten, erwarb 1867 die jüdische Gemeinde die Kapelle und nutzte sie als ihre Synagoge. Aber auch die jüdische Gemeinde wuchs in den nächsten Jahren und schaute sich daher nach einem größeren Grundstück um. Als sie 1903 eine neue Synagoge bauen konnte (die in der Reichsprogromnacht 1938 zerstört wurde), verkaufte sie die Kapelle „In der Erbach“ an den Fiskus. So kam es, dass die Kapelle im 20. Jahrhundert auch zum Aktenlager der im benachbarten ehemaligen Klostergebäude untergebrachten Behörden wurde.

Auf der Suche nach einem eigenen Gotteshaus
1948 schließlich wurde die Kapelle an die evangelisch-lutherische Gemeinde vermietet, die damals noch von Steeden aus von Pfr. Hermann Eikmeier pastoral versorgt wurde. Der damalige Limburger Vorsteher, Landwirt Karl Dielmann, suchte für die Gemeinde, die bis dahin im Dielmann‘schen Wohnzimmer ihre Gottesdienste feierte, eine Kirche. Durch den Zuzug vieler lutherischer Flüchtlinge nach dem Krieg waren die Privaträume zu klein geworden. Dielmann bekam den Tipp, die ehemalige Synagoge in der Erbach könnte doch dafür geeignet sein. Diese war allerdings zu der Zeit an den Katasteramtsdirektor vermietet, der sich zunächst weigerte, seinen „Lagerraum“ freizugeben. Die Gemeinde musste sich bereit erklären, die Kapelle auszuräumen, die voller Gerümpel war. Vorsteher Karl Dielmann berichtete 1978 anlässlich des 30jährigen Kirchweihfestes: „Die heutige Eingangstür war zugemauert. Der Zugang zur Kapelle war eine kleine Seitentür neben dem linken vorderen Ofen. Der unterirdische Gang, der hinüber zum ehemaligen Kloster führte, war offen. Innen im Kirchraum waren viele Säcke mit Kalk, Salpeter und Zement gelagert. Bretter, Latten und Steine waren so hoch getürmt, dass Pfarrer Eikmeier auf dem Unrat bis auf die Empore steigen konnte. Auf der Empore lagen neben alten Zeitungen, Lappen und Lumpen auch einige Säcke mit Menschenhaar, die von den Aktivitäten der Gestapo stammten, die seinerzeit im zweiten Stock des Katasteramtes eine Büroflucht in Besitz genommen hatte.“ Als die Kapelle ausgeräumt war, wurden erst die Schäden deutlich – die anschließende Renovierung und Instandsetzung dauerte fast ein Jahr.
Zum Reformationsfest 1948 konnte dann unter großer Beteiligung der Steedener „Mutter-Gemeinde“, Vertretern der Stadt und der Ökumene, die Kapelle eingeweiht werden. „Ich erinnere mich noch der Freude“, schreibt Karl Dielmann 1978, „die wir darüber empfanden, dass wir Lutheraner hier in der Stadt ein eigenes Gotteshaus hatten. Der Sonntag war wirklich der schönste Tag in der Woche. Es ging uns oft so, dass wir uns in der Stadt trafen und uns dann zuriefen: ‚Noch drei Tage!‘ Gemeint war die Zeit bis zum Sonntag.“

1958 folgte eine weitere Sanierung unter Federführung des Denkmalamtes, bei der unter anderem die ursprüngliche Raumfassung mit rot abgesetzten Bauteilen rekonstruiert wurde. 2002 schließlich konnte die Gemeinde, die 1952 selbständig geworden war, die Kapelle vom Land Hessen erwerben.

Erhalten heißt renovieren
Anfang 2018 stand die St. Johannes-Gemeinde wieder vor einer großen Renovierung ihrer Kapelle. Die alte Heizung funktionierte nicht mehr, und so entschied sich die Gemeinde, eine neue Heizung einzubauen und in diesem Zuge gleich auch weitere dringend notwendige Renovierungsarbeiten in Angriff zu nehmen. In Absprache mit dem Denkmalamt wurde die Kapelle und ihre Einrichtung komplett neu gestrichen, die Elektrik musste erneuert, das Dach des Turms neu gedeckt werden. Und, was für die Gemeinde besonders wichtig war: es konnte endlich eine Toilette eingebaut werden, für die aber erst mal die Wasser- und Abwasserleitungen gelegt werden mussten.

„Seit dem Bau 1322 musste immer wieder Zeit, Geld und Energie in die Erhaltung der Kapelle gesteckt werden, sagte der Stadtarchivar Dr. Waldecker am 4. Mai beim Festakt. „Die heutige Gemeinde steht damit in der Tradition ihrer Vor-Nutzer über die Jahrhunderte. Nur so kann das Erscheinungsbild, für das unsere Stadt berühmt ist, erhalten werden.“

Die Gemeinde dankte den an der Renovierung beteiligten Firmen und besonders dem Architekten für seine umfangreiche Unterstützung. Symbolisch wurde ihm dafür die Kapelle geschenkt – in Form eines detailgetreuen Modells.

Der Festakt wurde umrahmt von Beiträgen des Salonorchesters Zollhaus, in dem ein Sohn des damaligen Vorstehers Karl Dielmann mitspielt; durch das Programm führte der gemeindeleitende Pfr. Sebastian Anwand (Greifenstein/Allendorf). Im Anschluss daran wurde zu einem Empfang in das vor der Kapelle aufgebaute Zelt eingeladen.

Die Gemeinde freut sich, dass mit der Renovierung der Kapelle ein „Steinchen“ gelegt ist, damit in Zukunft nicht nur Gemeindeglieder, sondern auch Außenstehende den „Schafstall“ als Ort erleben können, an dem sie die Stimme des großen Hirten hören.

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