„Niemand soll beiseite stehn!“

(Evangelisch-Lutherisches Kirchengesangbuch 477, Strophe 1)

7. Sonntag nach Trinitatis

Kirchenkaffee

„Im Anschluss an den Gottesdienst sind alle herzlich zum Kirchenkaffee eingeladen!“
So hört man es in sehr vielen Kirchgemeinden der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche sonntags ganz regelmäßig. In manchen Gemeinden sogar jeden Sonntag.

Alle, die den Gottesdienst gefeiert haben, Gemeinde- und Kirchglieder, Gäste, ganz gleich, ob getauft oder ungetauft, zu einer anderen Konfession gehörig, ganz gleich, ob jemand am Heiligen Abendmahl teilgenommen hat oder nicht, treffen sich im Gemeindesaal oder auf dem Kirchvorplatz, unterhalten sich, trinken eine Tasse Kaffee oder Tee, essen dazu Gebäck, haben Gemeinschaft.

Nicht immer ist dieser Brauch bei allen ganz unumstritten: Ist dieses gesellige Zusammensein, das Essen und Trinken nach dem Gottesdienst nicht doch zu „weltlich“? Wird so noch die Heiligkeit des Sonntags gewahrt?

Und nicht jedem reichen vielleicht die Argumente, das stärke doch, gerade in kleinen Diasporagemeinden, den Zusammenhalt und fördere die Gemeinschaft und sei eine gute Möglichkeit, auch mit Gästen ins Gespräch zu kommen. Obwohl genau dies zutrifft. Und vor allem: Was wir heute „Kirchenkaffee“ nennen, hat ganz altchristliche Wurzeln! Agape, Liebesmahl, hieß das in der frühen Christenheit, die im engen zeitlichen Zusammenhang mit dem Gottesdienst zu solchen Mahlgemeinschaften zusammen kam.

In den Ostkirchen hat sich aus dieser Tradition der Brauch erhalten, allen, aber eben auch denen, die die Kommunion nicht empfangen haben, am Ende des Gottesdienstes das sog. Antidoron zu reichen.
Dabei handelt es sich um Brot, gleich dem Brot, das auch für die Sakramentsfeier verwendet wird.
Allerdings ist es nicht das Brot, das während der Abendmahlsfeier mit den Einsetzungsworten Jesu Christi konsekriert wird und damit zum Träger der Gegenwart des wahren Leibes Christi, also nicht um die sakramentale Gabe.
Antidoron heißt „Ersatzgabe“, was theologisch etwas schief ist, da es für den Leib Christi im Sakrament natürlich keinen „Ersatz“ gibt.
Aber alle, die Gottesdienst gefeiert haben, auch die, die aus unterschiedlichsten Gründen an der sakramentalen Mahlgemeinschaft nicht teilgenommen haben, erhalten so symbolisch Anteil an einer Mahlgemeinschaft, werden einbezogen und müssen sich nicht ausgegrenzt fühlen.

Auch in der evangelischen Herrnhuter Brüdergemeine wird übrigens bis heute zu besonderen Anlässen an diese Tradition in der Form angeknüpft, dass im Rahmen des Gottesdienstes Rosinenbrötchen und Tee an die gottesdienstliche Gemeinde verteilt wird.

Eine Anregung zum 7. Sonntag nach Trinitatis, dem „Abendmahlssonntag“: Man könnte doch an der Schnittstelle zwischen dem Ende des liturgischen Gottesdienstes und dem Beginn des „Kirchenkaffees“, sozusagen auf dem Weg aus dem Gottesdienst in den Alltag, an alle Gottesdienstteilnehmer an der Kirchentür durch den Pfarrer oder andere Mitarbeiter/innen der Gemeinde ein Stück Brot mit einem Segenswort und der Einladung zur Fortsetzung der Gemeinschaft beim Kirchenkaffee austeilen. Damit niemand beiseite steht und sich angenommen und eingeladen weiß.

In den Ostkirchen reicht der Priester oder Diakon das Antidoron mit den Segensworten: „Der Segen des Herrn und sein Erbarmen komme über dich!“


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