Theodor Harms: 200. Geburtstag


Ludwig-Harms-Konferenz greift Gedenkjahr auf


Auf der diesjährigen Louis-Harms-Konferenz zum Thema „Christliche Gemeinde im Wandel“ am 9. November in den Räumen der Pella-Gemeinde der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in Farven wird auch des 200. Geburtstags von Theodor Harms gedacht. Über den jüngeren Bruder des lutherischen Erweckungspredigers und Missionsgründers Ludwig (Louis) Harms (de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Harms) wird Pastoralreferentin Dr. Andrea Grünhagen, promovierte Kirchengeschichtlerin und Referentin für Theologie und Kirche im Kirchenbüro der SELK in Hannover, in einem Vortrag „Anstöße für die Gemeindearbeit durch Theodor Harms“ vorstellen. Für www.selk.de hat Andrea Grünhagen dazu im Vorfeld Fragen zur Person und zum Thema beantwortet.



selk.de: Wie lassen sich in Kürze Person und Wirken von Theodor Harms beschreiben?


Grünhagen: Theodor Harms wurde am 19. März 1819 in Hermannsburg in der Lüneburger Heide geboren und er starb dort am 16. Februar 1885. Er hat in Göttingen Theologie studiert, arbeitete dann, wie damals üblich, als Hauslehrer, wurde 1845 Leiter des Missionsseminars in Hermannsburg, übernahm 1857 seine erste Pfarrstelle in dem Heidedorf Müden, wechselte 1865 auf die Pfarrstelle in Hermannsburg als Nachfolger seines Bruders Ludwig und folgte ihm auch als Direktor der Hermannsburger Mission nach. Im Jahr 1878 wurde er aufgrund innerkirchlicher Auseinandersetzungen im Gefolge der staatlichen Maßnahmen des Kulturkampfes aus dem Pfarramt entlassen. Er trat, zusammen mit vielen Gemeindegliedern und einigen anderen Pastoren aus der hannoverschen Landeskirche aus. Sie gründeten die Hannoversche evangelisch-lutherische Freikirche, deren Präses Theodor Harms wurde. Die neu entstandene Kreuzgemeinde in Hermannsburg berief ihn zu ihrem Pastor, Missionsdirektor blieb er.

Seine Biographie ist damit im Grunde schnell erzählt, der geographische Radius seines Lebens war aus heutiger Sicht eher eng. Aber geistlich hatte sein Leben eine sehr große Weite und Tiefe. Sein Glaube wurzelte in der Bibel und zog Kraft aus der Geschichte und dem Bekenntnis der lutherischen Kirche seiner Heimat. In Sachen Mission spannte dieser Glaube die Flügel und pflanzte lutherische Kirche in Südafrika, Indien und Australien. Nicht alle haben seinen Weg in die freikirchliche Existenz verstanden oder gutgeheißen, aber er hielt stand. Theodor Harms war Lehrer, Pastor, Missionsdirektor, Präses, aber auf eine interessante Weise. Immer, wenn ihm ein neues Amt zuwuchs, hat er dafür nicht etwa das vorherige aufgegeben, sondern am Ende war es alles gleichzeitig. Das finde ich wirklich spannend.

selk.de: Was ist über die Beziehung von Theodor zu seinem Bruder Ludwig bekannt?

Grünhagen: Theodor Harms hat das Pech, immer „der Bruder von Louis“ sein zu müssen. Sein Bruder Ludwig war elf Jahre älter als er, die beiden hatten noch acht Geschwister. Ihr Vater Christian Harms war auch Pfarrer in Hermannsburg. Ludwig – oder für seine Familie und Freunde Louis – ist vielen bekannt als Gründer der Hermannsburger Mission und berühmter Erweckungsprediger. Im Gegensatz zu Louis, der nie geheiratet hat, war Theodor ausgesprochen gern Familienvater. Zwölf Kinder wurden seiner Frau Charlotte und ihm geschenkt, vier davon sind gestorben, bevor sie erwachsen wurden. Nächst dem Evangelium war die Musik seine Leidenschaft, die er immer etwas zügeln und Ersterem dienstbar machen musste. So gilt Theodor Harms auch als der Vater der Posaunenchorarbeit in Niedersachsen. Louis interessierte sich für Musik nur, insofern sie dem Gottesdienst und der Erbauung nütze.

Theodor Harms hat selbst mal erklärt, wie er das Verhältnis zu seinem großen Bruder sah. Weil die beiden mit ihren Gemeindegliedern außer in offiziellen kirchlichen Zusammenhängen immer nur Plattdeutsch sprachen, hat er es ihnen Plattdeutsch gesagt: „De Herr hedd mi fört min Läwenlang, dat ick achter öm stahn heww, he vöran, ick öm na. He was de Öllst, ick de jüngst, un ick dank Gott däglich davör. So schallt ok bliwen. … Ick bün sin lieflichen Broder un sin Broder ok in Christo, ick bün sin Nafolger, awer sin Naperrer (Nachmacher) bün ick nich. Min Friheit in Christo behol ick mi vör …“

selk.de: Welche Bedeutung hat Theodor Harms für die Geschichte der SELK?

Grünhagen: Er ist sozusagen der Kirchenvater einer Vorgängerkirche unserer heutigen SELK. Den Weg der Trennung von der Landeskirche ist er nicht leichtfertig gegangen. Es ging darum, dass er und ein paar Mitstreiter, die von ihrer Landessynode erarbeitete neue Ordnung für die kirchliche Trauung, die den Verantwortlichen nach Einführung der standesamtlichen Trauung nötig zu sein schien, nicht gebrauchen wollten. Sie hatten nichts gegen das Standesamt, aber sie hatten etwas dagegen, eine liturgische Ordnung gebrauchen zu sollen, die so tat, als würde die Ehe immer noch in der Kirche geschlossen, während sie dort nunmehr nur noch gesegnet wurde. Dass eine christliche Ehe dadurch zustande kommt, dass Gott Mann und Frau durch das Trauungshandeln am Altar zusammenfügt werden, war ihnen selbstverständlich. Ein Eintrag ins Geburtenregister auf dem Standesamt ist ja schließlich auch keine Taufe, will es auch gar nicht sein. Genauso wenig schließt der Standesbeamte eine christliche Ehe. Also soll man auch nicht so tun, als habe er das getan und das Brautpaar nur noch segnen, sondern man soll es trauen. Nun galt Theodor Harms‘ Vorgesetzten diese liturgische Ordnung so lange als theologisch belanglose Frage, bis Theodor sie nicht verwenden wollte. Da war es dann nicht mehr äußerlich und belanglos, da haben sie ihn, dem sie ansonsten eine segensreiche treue Amtsführung bescheinigten, entlassen. So geht das manchmal. Es gibt garantiert heldenhaftere Geschichten aus anderen Vorgängerkirchen an ihrem Beginn, aber Theodor ging es ja nicht um Heldentum, sondern um Treue.

Als er dann den Schritt aus der Landeskirche tun musste, hat er es konsequent, aber friedlich getan. „Ohne Groll und Hass will ich scheiden aus der Landeskirche …“: So beginnt seine Austrittserklärung. Das bleibt für uns als Kirche eine Mahnung. Ich habe von Theodor Harms in der Sache viele klare Worte gelesen, aber niemals ein hasserfülltes, böses, verletzendes. Er hat sogar versucht, die Mission aus den Streitereien herauszuhalten. Für hartes Theologengezänk hat er jedenfalls keine Abbitte zu leisten.

selk.de: Was schätzen Sie persönlich an Theodor Harms besonders?

Grünhagen: Ich kann sagen, dass sich mir ein paar Maximen von Theodor Harms eingeprägt haben, fast schlagwortartig. Das erste: „Freie Kirche und freier Staat.“ Er war der Meinung, dass es weder der Kirche bekommt, wenn sie dem Staat in seine Aufgaben hineinredet noch dem Staat, wenn er in die Kirche hineinzuregieren versucht. Das ist die grundlutherische Auffassung, dass jeder das zu tun hat, was sein Amt und Beruf ist und dass jeder darin Gott verantwortlich ist. Das zweite ist ein Bibelvers, den Theodor oft zitiert hat: „Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt.“ (Jeremia 17,5) Als die Brüder Harms das Missionshaus gründeten, haben sie sich fest versprochen, sich niemals auf Menschen zu verlassen. Zahlen, seien es Geldsummen oder Mengen an Menschen, haben ihnen niemals Angst gemacht. Damit konnte man ihnen nicht drohen, darauf haben sie sich nicht verlassen, darauf haben sie nicht stolz verwiesen, davon wollten sie mehr gar nicht wissen als es ihre Pflicht verlangte – und Gott hat sie nicht hängen lassen.

Das nächste ist ein Zitat von Theodor Harms, wo er Luthers Wort in Worms aufnimmt: „Es ist nicht geraten, etwas gegen das Gewissen zu tun, aber noch weniger ist es geraten, etwas gegen Gottes Wort zu tun.“ Diese Maxime hat mir schon oft persönlich gute Dienst bei Entscheidungen geleistet.

selk.de: Hinsichtlich der praktischen Gemeindearbeit: Im Blick auf welche Arbeitsfelder lassen sich bei Theodor Harms auch heute noch Impulse gewinnen?

Grünhagen: Uns trennen von damals 200 Jahre! Man kann kaum etwas direkt übertragen. Aber ich möchte darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn ein Pastor so beheimatet ist in seiner Gemeinde wir Theodor Harms. Das Thema Bildung und Schule lag ihm sehr am Herzen. Wo kann Gemeinde heute in dieser Hinsicht aktiv werden? Auch welche Bedeutung die Gottesdienstgestaltung hat, was ihm sehr wichtig war. Auch was Theodor Harms über Frömmigkeit im Alltag gesagt hat, bleibt bedenkenswert. Um das und noch mehr soll es in meinem Vortrag gehen. ich freue mich, dass das mein Beitrag zum 200.Geburtstag von Theodor Harms wird.

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