Stellungnahme zum gegenwärtigen islamistischen Terror in Europa


In diesen Tagen bekam Bischof Hans-Jörg Vogt D.D. (Hannover), der leitende Geistliche der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) eine schriftliche Anfrage, warum die SELK sich nicht zu den jüngsten islamistischen Terroranschlägen in Europa zu Wort gemeldet habe. Voigt unternimmt im Folgenden den Versuch, in Form einer anonymisierten Antwort auf diese Anfrage differenziert Stellung zu beziehen.


Bischof Voigt

Sehr geehrter, lieber Herr Z., Ihre Anfrage, warum die Kirchen in Deutschland zu den jüngsten Terroranschlägen besonders in Frankreich so „laut“ geschwiegen haben, hat mich erreicht, und zwar im doppelten Sinn des Wortes. Deshalb befrage ich mich, warum ich selbst bisher geschwiegen habe.

Zunächst liste ich die Geschehnisse für mich auf:
4. Oktober 2020: In Dresden greift ein mutmaßlich islamistisch motivierter Gewaltverbrecher zwei Mensch mit einem Messer an. Eines der Opfer wird getötet , das andere schwer verletzt.
17. Oktober 2020: Brutale Enthauptung des Lehrers Samuel Paty in einem Pariser Vorort. Der Täter gibt im Internet als Begründung an, dass der Lehrer „es gewagt hat, Mohammed zu erniedrigen".
29. Oktober 2020: Bei einem mutmaßlich islamistischen Terroranschlag werden in der Kirche Notre-Dame-de-l’Assomption in Nizza zwei Frauen und der Küster der Kirche mittels einer Stichwaffe getötet und geköpft. Die beiden Frauen waren ins Gebet vertieft. Die Polizei nahm in der Nähe des Tatorts einen 21-jährigen Tunesier fest, der im September 2019 über Lampedusa in Europa eingereist sein soll.
31. Oktober 2020: Ein orthodoxer Priester wurde in der französischen Stadt Lyon mit einer abgesägten Schrotflinte angegriffen und schwer verletzt. Der 52-jährige Geistliche war gerade dabei, seine Kirche abzuschließen, als ein Unbekannter aus kürzester Entfernung zweimal aus einer abgesägten Schrotflinte auf ihn schoss. Über den Täter gibt es bisher noch keine Angaben.
2. November 2020: In der Altstadt Wiens schießt ein Täter wahllos aus einer Maschinenpistole auf Passanten und Restaurantbesucher. Fünf Todesopfer und zahlreiche Verletzte sind zu beklagen. Der Täter war ein der Polizei bekannter Islamist.

Ich verurteile und verabscheue diese Taten zutiefst! Mein Mitgefühl und meine Gebete sind bei den Opfern. Bisher habe ich geschwiegen, weil diese Verurteilung eine einzige große Selbstverständlichkeit ist. Es ist unerträglich, dass ein Lehrer angegriffen wird, der sich der schweren und derzeit auch in Deutschland zu Unrecht wenig populären Aufgabe stellt, die nachwachsende Generation zu bilden und auf das Leben vorzubereiten. Es ist unerträglich, dass nun in Frankreich Christen, Schwestern und Brüder, in einer Kirche ermordet werden. Wo bleibt eigentlich der Aufschrei: „Je suis l‘église“ – „Ich bin Kirche“? Ich versuche folgende Erklärung: Christinnen und Christen werden immer noch als stabile meinungsgebende Mehrheit wahrgenommen, die keinen besonderen Schutz und auch kein Mitleid benötigt. Dies entspricht gerade in Frankreich schon seit der Französischen Revolution nicht mehr der Wirklichkeit. Ja, und das lerne ich immer wieder, es ist notwendig, auch das Selbstverständliche laut, unmissverständlich und notfalls auch wiederholt auszusprechen.

Mein Zögern liegt aber in einem weiteren Umstand begründet, der eine solche Stellungnahme ausgesprochen verkompliziert und erschwert: Ich lehne die sognannten Mohamed-Karikaturen ab, ohne damit die Bluttaten auch nur im Geringsten rechtfertigen oder auch nur erklären zu wollen. Ich kann einfach nicht verstehen, warum nun mittlerweile der ganze französische Staat sein Verständnis von Freiheitsrechten an der Möglichkeit religiöser Beleidigung durch die Mohamed-Karikaturen fest macht. In Deutschland gilt immer noch § 166 des Strafgesetzbuches, in dem es heißt: „(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.…“ Dabei ist mir bewusst, dass dieser Paragraf eigentlich kaum noch anzuwenden ist und dass manches, was zunächst als Blasphemie bezeichnet wurde, später in der christlichen Kunst anerkannt wurde. Aber wieso es grundsätzlich ein Freiheitsrecht sein soll, andere religiös zu beleidigen und zu verletzen, vermag ich nicht zu verstehen. Jesus sagt: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“ (Matthäus 7,12).

Übrigens leben Christen seit 2000 Jahren mit einer sehr bekannten Karikatur. Die älteste Kreuzesdarstellung zeigt Christus mit einem Eselskopf. Römische Soldaten hatten dieses Spottkreuz an eine Kasernenwand geritzt, um ihren christlichen Gefährten mit Namen Alexamenos zu beleidigen. Das Kreuz selbst war und ist ein Zeichen der Schande und Erniedrigung, das gleichwohl zum Heilszeichen geworden ist. Aber wie schon gesagt: Die sinnlose und menschenverachtende islamistische Gewalt ist durch diesen Umstand nicht zu erklären.

Lieber Herr Z., das bringt mich schließlich zu einem weiteren Punkt, der eine Stellungnahme so schwierig macht. Der gesunde Menschenverstand fragt nach solch einer Serie von Gewalt, ob das alles nicht doch etwas mit dem Islam als Religion zu tun hat. Natürlich halte ich die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus für unverzichtbar, denn die ganz überwiegende Zahl von Menschen muslimischen Glaubens lebt friedlich in Europa und trägt ganz erheblich zu unserem gemeinsamen Wohlergehen bei. Sie sind eben nicht mit den irregeleiteten Gewalttätern in Zusammenhang zu bringen und verdienen unvermindert unseren Respekt und freundliche Nachbarschaft.

Aber die Frage stellt sich auf grundsätzlicher Ebene doch, ob der Islam mit dem westlichen Wertesystem, mit Freiheitsrechten, mit Toleranz und einer bestimmten Form offener gesellschaftlicher Austragung von Konflikten kompatibel ist, da er die Unterscheidung zwischen Staat und Religion nicht nachvollzieht. Was den christlichen Kirchen mit den Worten Jesu sozusagen in die Wiege gelegt ist – „Gebt der Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist" (Matthäus 22,21) – und was die westlichen Gesellschaften und ihre Kirchen über Jahrhunderte in schmerzhaften und teilweise auch kriegerischen Erfahrung erstritten haben, nämlich eine konsequente Unterscheidung ihrer jeweiligen Interessen, ist dem Islam fremd. Diese Frage gehört in den öffentlichen Diskurs unserer Gesellschaften, nicht um Menschen muslimischen Glaubens zu diskriminieren, sondern um ihnen die Bedeutung und die Grundlagen westlicher Werte deutlich zu machen, ja, und sie darauf auch zu verpflichten.

Für Ihr Nachfragen, lieber Herr Z. danke ich Ihnen, denn Sie haben mich zum Nachdenken gebracht.

Ihr Bischof Hans-Jörg Voigt D.D.

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