Karsamstag: Tag der Grabesruhe Christi

„Niedergefahren zur Hölle“

Karsamstag

Was ist eigentlich mit den Menschen, die vor Jesus gelebt haben? Oder mit Menschen, die aufgrund ihres Lebensortes oder ihrer Lebensumstände nie eine Chance hatten, das Evangelium zu hören?
Sagt Jesus nicht ganz klar: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich“? (Johannes 14,6) Und noch drastischer an anderer Stelle: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden“? (Markus 16,16)

Diese Fragen nach dem Ergehen derer, die vor Jesus gelebt haben oder derer, die auch heute keine Chance haben, das Evangelium zu hören, ist keine theoretisch-akademische, sondern ein zutiefst seelsorgliche.
Wenn sie uns Christen von Mitchristen oder aber Nichtchristen gestellt wird, und sie wir uns gestellt, ist das immer eine kritische Situation. Je nachdem, wie wir da antworten, können Weichen gestellt werden.
Persönliche, seelsorgliche seelsorglichen Antworten sind da sicher besser als gar keine Antworten. Aber irgendwie bleiben sie dennoch unbefriedigend, dennoch eine Lücke, dennoch ein schwarzer oder weißer Fleck.

Unsere Glaubensvorfahren in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten mögen wohl schon ebenso empfunden haben mögen und sich fragen, ob denn die Heilige Schrift nicht wenigstens einen Hinweis, eine Andeutung enthält, der man nachdenken und nachglauben kann, um eine Antwort zu erhalten.
Jedenfalls fällt es auf, dass in der Tradition der Ostkirchen, in deren gottesdienstlicher Frömmigkeit ja bekanntlich die Ikonen eine so große Rolle spielen, die Festtagsikone für Ostern, für das Fest der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, nicht den Titel „Ostern“ oder Auferstehung“, sondern „Die Höllenfahrt Christi“ trägt.

Dargestellt wird Christus, wie er als der Sieger über Sünde, Tod und Teufel auf den in Kreuzform liegenden Toren der Unterwelt steht, in deren düsterem Abgrund man unscharf eine gefesselte Gestalt, Satan nämlich erkennen kann. Christus zieht mit der rechten und linken Hand Menschen aus dem Totenreich, dem Hades, die sich durch bestimmte Attributen und Kennzeichen u.a. als Adam und Eva, die Patriarchen, Könige und Propheten des Alten Bundes und Johannes der Täufer erweisen.

Die zwar so genannte Höllenfahrts-Ikone stellt allerdings nicht die Hölle im Sinne eines endgültigen Verdammungs- und Straforts dar, sondern das „Reich des Todes“, die Unterwelt, den Hades, wie es griechisch heißt, die Sheol, wie es hebräisch heißt.
Mit unseren Vorstellungen von Zeit, von Davor und Danach, vor Ostern, nach Ostern usw., kommen wir hier nicht weiter. Die Aussage lautet: Es gibt ein Zwischenreich, in dem die Seelen derer, die vor der christlichen Zeitenwende lebten, wie in einem Gefängnis aufbewahrt werden zum Endgericht.  
Für diese ostkirchliche traditionelle Auffassung, die sich in der Höllenfahrtsikone niederschlägt, gibt es keinen wirklich klaren und eindeutigen biblischen Beleg oder Beweis. Allenfalls den Hauch einer Andeutung, nämlich 1. Petrus 3. Da heißt es: „Christus hat einmal für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er euch zu Gott führte; er ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist. In ihm ist er auch hingegangen und hat gepredigt den Geistern im Gefängnis …

Vergessen wir aber nicht: Diese Bibelstelle ist auch die Grundlage für den Bekenntnissatz des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, in dem es heißt: „Hinabgestiegen in das Reich des Todes.“
Und damit sind wir beim Tag der Grabesruhe Christi.
Gründonnerstag hat Jesus Christus das Heilige Abendmahl eingesetzt, Karfreitag ist er für die Sünde Welt als Lamm Gottes am Kreuz gestorben, Ostersonntag ist er auferstanden von den Toten, Himmelfahrt erhöht worden zur Rechten Gottes. Und Karsamstag? Die Lücke, der schwarze Fleck. Da lag er, nach biblischer Zeitrechnung, vom Zeitpunkt des Aufgangs des Abendsterns am Karfreitag bis zum Aufgangs des Abendsterns am Karsamstag im Grab.
Die ostkirchliche Ikone von der Höllenfahrt Christi illustriert eigentlich nicht den Ostersonntag, sondern - eben - den Karsamstag. Bunt und hell wird der schwarze Fleck dadurch, rettend, befreiend, erbarmend, liebevoll ausgefüllt diese Lücke.

Offene Fragen bleiben auch so noch reichlich übrig. Aber wir erhalten auch tröstende Antworten des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Gottes Liebe und Gottes Allmacht sind größer als unser vernünftiges Fassungsvermögen. Gottes Liebe und Allmacht vermögen mehr. Im 11. Kapitel des Hebräerbriefes hören wir von den „Alten“, von denen, die vor Christus fromm und Gottes Wort gehorsam waren: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen. Diese alle sind gestorben im Glauben und haben die Verheißungen nicht ergriffen, sondern sie nur von ferne gesehen und gegrüßt und haben bekannt, dass sie Gäste und Fremdlinge auf Erden sind.
Aber diesen „Alten“, die vor Christus gelebt und geglaubt haben und gestorben sind, ohne das Evangelium gehört zu haben, bestätigt Gottes Wort im Hebräerbrief eben auch: Gott schämt sich „ihrer nicht, ihr Gott zu heißen; denn er hat ihnen eine Stadt gebaut.

Er hat sie befreit aus dem Reich des Todes und sie beschenkt mit dem ewigen Leben in der Gottesstadt Jerusalem: „…und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offenbarung 23,3-4)

Der Karsamstag ist doch wohl mehr als nur der Tag der Grabesruhe Christi. An diesem Samstag, auch an diesem Sabbat, hat Christus nicht tatenlos geruht um der Ruhe willen, das Gesetz nicht um des Gesetzes willen gehalten, sondern auch an diesem Sabbat seiner Grabesruhe Menschen geheilt, den Hunger nach Leben gestillt, befreit, erlöst und errettet.
Der Karsamstag, so verstanden, ist vielleicht kein absoluter Lückenschließer, aber doch mehr als nur ein freier Tag zwischen Feiertagen, mehr als nur ein Lückenbüßer.


Foto: Fresco der Chora Kirche in Istanbul
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