Gott wurde Mensch


„Von der Inkarnation, dem Geheimnis, dass Gott Mensch wurde. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“: Unter diesem Titel veröffentlichte Bischof Hans-Jörg Voigt D.D. von der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in der Dezember-Ausgabe des SELK Kirchenblattes „Lutherische Kirche“ einen Beitrag, mit dem er einlädt zum Nachdenken über die Menschwerdung Gottes in dem Christuskind in der Krippe, das weitreichende und ungeahnte Konsequenzen auf das Leben der Kirche und die Frömmigkeit der Christen hat. Dieser Beitrag kommt auch hier zur Veröffentlichung.

Weihnachten

An Weihnachten feiert die Christenheit das größte Wunder des Glaubens: Gott wird Mensch! Man muss sich das vor Augen halten, dass der Schöpfer der Galaxien, der unendlichen Räume, der Mikroben und Pottwale, der Schöpfer der Naturwissenschaften und des Menschen selbst ein winziger Säugling wird. Was der Engel auf den Feldern von Bethlehem als Erkennungszeichen nennt: „Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ (Lukas 2,12), das macht so zu sagen die Windeln zum Markenzeichen, zum Erkennungszeichen Gottes. Die Windel als Flagge Gottes! Und damit auch kein Zweifel besteht: Diese Windeln wurden benutzt. Sie mussten gewaschen werden. Und Gott schwebt nicht geistig durch den Stall, sondern er unterwirft sich der Erdanziehungskraft und liegt in einer Krippe, ganz Mensch und ganz Gott.

Viele Menschen wollten Götter sein
In der anderen Richtung kennen wir das ja: Zahlreiche mächtige Menschen wollten Götter sein und ließen sich als Götter verehren. Die ägyptischen Pharaonen meinten, sie wären Götter. Auch die so klugen römischen Kaiser, die aus einer Demokratie hervorgingen, meinten, sie wären Götter und ließen sich als Götter verehren. Ja sogar die kommunistischen Diktatoren wurden als Götter verehrt. Für Lenin, als er dann doch gestorben war, baute man ein Mausoleum, das wie ein Heiligenschrein von den Menschen aufgesucht wurde. Mao Tsetung, der chinesische Revolutionsführer, wird bis heute wie ein Gott verehrt. Die Bauern von Shaoshan zum Beispiel beten den Großen Vorsitzenden an. Eine Frau dort sagt: "Für uns ist er schon immer ein Gott gewesen", und verkauft dabei die kleinen Mao-Götzen.

Nur ein Gott wollte Mensch werden
Hingegen wollte nur ein Gott Mensch werden. Er nahm Fleisch und Blut an und wurde in Jesus Christus Mensch. Die Kirche bezeichnet dieses einmalige Geschehen mit dem theologischen Begriff aus dem Lateinischen „Incarnatio“, was „Fleischwerdung“ heißt. Die Bewegungsrichtung der Religionen weist von unten nach oben. In diesen Religionen müssen sich die Menschen von unten nach Oben bewegen, um irgendwie durch eigenes Bemühen selbst zu Gott zu gelangen. Die Grundbewegung Gottes aber weist von oben nach unten. Er bewegt sich aus der Unendlichkeit herunter zu uns kleinen Menschen und wird selbst ein Mensch. Er wird ganz Mensch, nicht nur ein bisschen geistlich, sondern ganz! Und Mensch sein, heißt Leiden, Menschsein heißt sterben müssen. Gott willigt mit seiner Menschwerdung von vornherein ein, zu leiden und zu sterben.

Tod besiegt Tod
Mit dem Tod seines Sohnes besiegt Gott den Tod, der durch unsere menschliche Schuld erst in die Welt gekommen war. Das ist das letzte Ziel Gottes mit seiner Fleischwerdung. In diesem Jahr gilt es ein 90. Jubiläum der Medizingeschichte zu feiern: 1928 legte der Bakteriologe Alexander Fleming, der am Londoner St. Mary‘s Hospital arbeitete, eine Nährbodenplatte, eine Art Petrischale an, auf die er Staphylokokken, eine bestimmte Art von Bakterien, gab. Er vergaß diese Petrischale und begab sich in die Sommerferien. Glückliche Schlamperei: Nach seiner Rückkehr an das Hospital entdeckte er die Petrischale und sah, dass auf dem Nährboden ein Schimmelpilz gewachsen war, in dessen unmittelbarer Nähe sich die Staphylokokken nicht vermehrt hatten. Der Schimmel, den Fleming, Penicillin, nannte, tötete also Bakterien ab. Es dauerte weitere zehn Jahre, bis es gelang, den Wirkstoff des Schimmelpilzes „Penicillin“ in den USA zu isolieren und nutzbar zu machen. Ein ganz entscheidender Schritt der Medizin war getan, von dem man annimmt, dass er für den Ausgang des Zweiten Weltkrieges zu großen Teilen kriegsentscheidend war.
Das Prinzip lautet: Der Tod tötet den Tod. Das Gift des Penicillins tötet die tödlichen Bakterien.
Tod besieg Tod! Der Tod Jesu besiegt unseren Tod. Dies alles liegt im Geheimnis der Inkarnation, der Fleischwerdung Christi.

Inkarnation im Abendmahl
Und nicht genug, dass Gott seinen Sohn in die Welt gesandt hat, er schenkt uns in der sonntäglichen Feier des Heiligen Abendmahles die Inkarnation seines Sohnes: In Brot und Wein geschieht die Inkarnation, die Fleischwerdung Christi. Er spricht zu uns durch sein Wort in den Hausandachten, den gottesdienstlichen Lesungen und die Predigt. Und Gott nimmt Fleisch und Blut an in Brot und Wein. Damit gib er uns im Bild gesprochen eine „Auffrischungsdosis“ an Penicillin für das Ewige Leben, das uns in der Taufe schon wirksam „injiziert“ wurde. Das Wort Gottes und das Heilige Abendmahl gehören zusammen. Man darf sie nicht gegeneinanderstellen. Luther hat auf die Inkarnation allergrößten Wert gelegt. Er hat gesagt: „Ich will Gott nicht kennen, es sei denn, dass ich diesen Sohn der Jungfrau hier erst erkannt habe!“ (WA, 36. Bd. S. 61c) Lutherische Kirche ist mit der Kirche aller Zeiten inkarnatorische Kirche oder eben sakramentale Kirche. Lutherische Gemeindearbeit ist an Predigt und den Sakramenten orientiert. Lutherische Jugendarbeit ist in diesem Sinne sakramentale Jugendarbeit, weil darin die Richtung Gottes zum Ausdruck kommt: Er kommt zu uns herab. Nicht wir müssen uns zu ihm „hinauf“ bemühen. Dies hat ganz überraschende Konsequenzen bis in die Gestaltung der Kirchenräume hinein.

Inkarnation und Bilder
Betritt man den Französischen Dom in Berlin, bemerkt man als lutherischer Christ gleich, dass hier etwas anders ist. Die Kirche ist sehr sparsam nur mit Ornamenten geschmückt. Vorn steht anstelle eines Altares ein hölzerner Tisch darüber die Kanzel im Stil der Bauzeit von 1701 bis 1705. In der ganzen Kirche aber ist kein einziges Bild zu sehen, nicht einmal ein schlichtes Kreuz kann man entdecken. Die Kirche wurde erbaut für die französischen Glaubensflüchtlinge, die Hugenotten, die der preußische König in seinen Landen aufgenommen hatte. Hugenotten waren und sind reformierte Christen, das heißt sie folgen der Reformation nach Zwingli und Calvin.

Warum aber keine Bilder? Diese Frage hat einen tiefen geistliche Zusammenhang. Reformierte Christen lehnen Bilder in Kirchen konsequent ab, weil sie das alttestamentliche Bilderverbot nach wie vor für gültig halten. Dies steht in einem Zusammenhang mit dem reformierten Abendmahlsverständnis, das die Gegenwart Christi im Abendmahl nur geistlich versteht und nicht real.

Die Lutherische Kirche hingegen glaubt mit der Alten Kirche, dass mit Jesus Christus Gott anschaubar geworden ist. Die Frage nach Bildern in der Kirche wurde nämlich vor diesem Hintergrund in den ersten Jahrhunderten der Kirche entschieden. Dabei waren die Worte des Evangelisten Johannes von besonderer Bedeutung: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit.“ (Johannes 1,14). Wir „sahen“ seine Herrlichkeit! In Christus ist Gott anschaubar geworden und Bilder erinnern uns an diesen anschaubaren Gott, sie sind aber nicht Gott. Der Apostel Paulus erinnert die Galater sehr eindringlich, dass ihnen „doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte“ (Galater 3,1). Deshalb sind lutherische Kirchen bilderfreundliche Kirchen, weil Bilder den Glauben an die Inkarnation, an die Fleischwerdung des anschaubaren Gottes im Heiligen Abendmahl ausdrücken, der sich zu uns in die tiefste Tiefe hinabbewegt hat.

Gott leidet mit uns
Weshalb die Menschwerdung Gottes so wichtig ist für uns? Gott stellt sich damit ganz an unsere Seite. Er weiß, was menschliches Leid bedeutet, denn er hat es selbst erfahren. Er weiß, was Krankheit bedeutet. Im Hebräerbrief heißt es: „Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde“ (Hebräer 4,15). Immer wieder wurde im Verlaufe der Theologiegeschichte versucht, das Menschsein Jesu ein bisschen abzumildern: Er sei nur scheinbar Mensch gewesen, lautet solch ein Versuch. Nein, er hat alles als wahrer Mensch und wahrer Gott durchgemacht, bis zum bitteren Ende, bis zum Neuanfang in der Auferstehung und in der elenden Krippe von Bethlehem fing es an. An der Inkarnation, der Fleischwerdung Jesu hängt unsere ganze Hoffnung.


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Gemälde aus einer Kapelle auf den Hirtenfeldern bei Bethlehem

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